So sehr wir uns auch das Gegenteil wünschen: Alle verfügbaren Informationen weisen darauf hin, dass uns das Coronavirus weiter zusetzen wird. Zwar anders als bisher, dies immerhin, aber eine Herausforderung bleiben die diversen bisherigen und noch kommenden neuen Mutationen von Sars-CoV-2. Österreich steht aktuell verhältnismäßig gut da, doch rund um den Globus reißen die Horrormeldungen nicht ab, und auch in Teilen Westeuropas macht sich erneut Nervosität angesichts rasant steigender Infektionszahlen breit, die jedoch – noch? – nicht zu höheren Hospitalisierungsraten und Todesfällen führen.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Das ist, zugegeben, banal. Dieses Virus hat einen Verbreitungsgrad erreicht, der es höchst unwahrscheinlich macht, dass es irgendwann einfach wieder verschwinden wird. Es wird bleiben, und wir werden uns an es gewöhnen. Einfach, weil es dazu keine Alternative gibt.

In dieser Situation würde man sich gerne auf den mittlerweile üppigen Erfahrungsschatz unterschiedlichster Vorgehensweisen der vergangenen eineinhalb Jahre stützen, um nicht nur die Kosten, sondern auch die Effizienz konkreter Maßnahmen zur Eindämmung des Virus wenigstens Daumen-mal-Pi berechnen zu können. Doch leider gibt die verfügbare Daten- und Studienlage einen solchen eindeutigen Orientierungsplan für uns Bürger wie für die Regierenden nicht her.

Der britische "Economist" hat sich in seiner aktuellen Ausgabe die Mühe gemacht, die verfügbaren Studien im Hinblick auf die Effizienz von Regierungsmaßnahmen, gemessen an ihren ökonomischen Kosten und der Vermeidung von Übersterblichkeit, abzuklopfen. Um es vorwegzunehmen: Wer sich verlässliche Aussagen erwartet, muss auf weitere Forschungen zu diesen zentralen Fragen vertröstet werden.

Das liegt nicht nur an methodologischen Problemen der Art, wie sich Kosten eines in Kauf genommenen Todes berechnen lassen, eine notorisch problematische, aber unumgängliche Frage: pauschal mit einer Summe oder abgestuft nach andernfalls zu erwartenden Lebensjahren? Vor allem ist das Verhalten der Menschen zu unterschiedlich und lässt sich nicht zwingend allein auf die von Regierungen verordneten Vorgaben und Erlässe zurückführen. Zudem fehlen noch immer zentrale Variablen, die aber für verlässliche Aussagen über die Kosten und den Nutzen diverser Maßnahmenpakte unerlässlich sind, etwa die Langzeitfolgen des Bildungsverlusts, steigender psychischer Erkrankungen oder verschleppter und nicht behandelter anderer Erkrankungen.

Es fehlt weiters eine belastbare Einschätzung des wichtigsten Orientierungspunktes für Politiker: nämlich der Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen und ihrer höchst unterschiedlichen wie umfassenden Folgekosten durch die Bürger selbst. Zumal dieses Urteil höchst dynamischen Veränderungen je nach Zeitpunkt und subjektiver Wahrnehmung unterworfen ist.

Möglich also, dass wir jetzt eine Phase in dieser Pandemie erreichen, in der die Akzeptanz und das Verständnis für einschränkende Maßnahmen ausgereizt sind. Möglich aber auch, dass die Menschen noch immer das Gefühl haben, einer großen Gefahr ausgesetzt zu sein und deshalb Schutzmaßnahmen erwarten. Aber welche und zu welchen Kosten?

Die Politik muss sich weiter im weitgehenden Blindflug durch die Pandemie voran arbeiten. Immerhin eines ist klar: Impfen schützt, und Testen hilft, den Überblick zu bewahren.