Männer mit megalomanischen Visionen – der Anteil an Frauen ist in diesem Segment tatsächlich überschaubar – sind seit jeher das Objekt öffentlicher Faszination. Grenzenlose Bewunderung trifft dabei verlässlich auf Skepsis oder offene Ablehnung. Die Motivationen reichen dabei von der Verwirklichung verhältnismäßig harmloser Kindheitsträume über die sympathische Hoffnung, einmal kurz die Welt zu retten oder zumindest zu einem besseren Ort zu machen, bis hin zum Klassiker der Weltherrschaft. Die Bandbreite stellt das Gegenpersonal für zahllose Superhelden-Comics und James-Bond-Filme, wobei etwaige Ähnlichkeit mit wirklichen Personen nicht immer unerwünscht sind.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Die Vielfach-Milliardäre Elon Musk (50, Südafrika, Tesla, SpaxeX), Richard Branson (70, Großbritannien, Virgin Galactic) und Jeff Bezos (57, USA, Amazon, Blue Origin), die allesamt vom Traum beseelt sind, den Flug ins All auch für Reiche mit bescheideneren Vermögen zu verwirklichen, laden für Vergleiche mit der eingangs erwähnten Kategorie von Menschen ein. Wahrscheinlich gefallen sie ihnen sogar, weil es ihrem beträchtlichen Ego nicht nur schmeichelt, sondern tatsächlich entspricht.

Branson ist nun am Sonntagnachmittag mit seinem eigenen Raumschiff "VSS Unity" in den Weltraum geflogen und unversehrt wieder gelandet. Im schlagzeilenträchtigen Rennen um die touristische "Eroberung des Weltalls" hat er nun seinen Konkurrenten Elon Musk um einige Tage geschlagen. Das Versprechen ist etwas großspurig formuliert, weil es sich tatsächlich einfach "nur" um eine raketenbetriebene Flugreise rund 100 Kilometer in die Höhe handelt, weil dort nach einer informellen Übereinkunft das Weltall beginnt. Im Zentrum geht es dabei vor allem um den Verkauf eines ganz besonderen Gefühls, nämlich der Schwerelosigkeit. Dieser physikalische Zustand hat zwar nichts mit absoluten Höhe zu tun, sondern ist das Ergebnis entgegenwirkender Kräfte, aber das spielt keine Rolle.

Die Nachfrage nach diesem magischen Schwebezustand ist erheblich. Laut einer Studie der Schweizer Bank UBS bringt die Weltraumtourismusbranche bereits jetzt ein Gewicht von mehr als 244 Milliarden US-Dollar oder 205 Milliarden Euro auf die Waage. Das ist ein fetter Kuchen, um den zu raufen sich lohnen dürfte. Und Branson, Musk und Bezos wollen alle ein großes, wenn nicht gleich das größte Stück vom Kuchen.

Warum? Weil es technisch möglich ist und es einen Markt dafür gibt – oder wenigstens das Versprechen davon. Ob es auch sinnvoll ist, ist in diesem Zusammenhang keine Kategorie. Warum wollen ehrgeizige reiche Hobby-Bergsteiger für viel Geld auf den höchsten Berg der Welt, warum unbedingt ihr Steak mit Gold überziehen? Weil es sich manche leisten können und wollen und sie daraus einen Mehrwert welcher Art auch immer für sich selbst ziehen. Mit Vernunft lassen sich allenfalls die psychologischen Mechanismen des Strebens analysieren, aber nicht die Sehnsucht an sich.

Früher waren die Kräfte, die solchen Höhenflügen des Menschen Einhalt zu gebieten versuchten, metaphysischer Art. Mit Geboten von der Art, wie dass sich der Mensch nicht zu Gott erheben solle und dergleichen mehr. Aber das hat den Ehrgeiz von uns Menschen nicht wirklich nachhaltig unterbinden können. Der Kapitalismus hat dann daraus eine unendliche und höchst erfolgreiche Wertschöpfungsmaschinerie gemacht.

Mit den Bemühungen um den Klimaschutz gibt es jetzt eine neue, sehr irdische Macht, die solchen Sehnsuchtserfüllungsprojekten Einhalt zu gebieten versuchen wird. Der ökologische Fußabdruck einer nur wenige Stunden dauernden Reise in die Schwerelosigkeit ist tatsächlich gigantisch. Zu vermuten ist, dass die Herren ihre Projekte trotzdem vorantreiben werden, weil sie sich einen Markt erhoffen. An der Politik ist es, den rechtlichen Rahmen dafür zu bestimmen. Was nicht verboten ist, wird in die Tat gesetzt werden, so lange der Dollar, Euro oder Renminbi.