Fast wäre für Boris Johnson, diesen Hans im Glück der britischen Politik, das perfekte Drehbuch wahr geworden: Das englische "Three Lions"-Team, das mit technisch anspruchsvollem Fußball begeisterte, war in den ersten sechs Parteien dieser Fußball-EM zum Rollenmodell einer neuen weltoffenen Identität Englands geworden. Der erste Titelgewinn nach 55 Jahren wäre ein Traum gewesen. Zum Drüberstreuen hätte der britische Premier am nächsten Tag seinem noch freudentrunkenen Volk das Ende auch der letzten Covid-Maßnahmen verkündet.

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Doch schon Stunden nach der unglücklichen und - gemessen an der Sehnsucht der englischen Fans nach einem Titel - auch tragischen Niederlage lag dieser Plan in Scherben. Statt zum neuen Kitt einer alle Differenzen verbindenden Identität brachte die Enttäuschung über den verpassten Titelgewinn all die hässlichen Seiten im Herzstück des britischen Inselstaats ans Tageslicht. Kaum war der letzte Elfmeter verschossen, ergossen sich Spott und noch mehr Wut über das Team, allen voran über dessen farbige Spieler.

Statt daher den EM-Titel als Metapher für die Möglichkeiten und Leistungsfähigkeit eines selbstbewussten, aber souveränen "Brexit"-Staats zu zelebrieren, musste Johnson mit der gesamten britischen Elite am Montag die Lawinen rassistischer Entgleisungen englischer "Fans" verurteilen. Wer das als höhere Form politischer Gerechtigkeit empfindet, möge sich kurz all der ähnlichen Vorkommnisse im italienischen, französischen, deutschen, niederländischen, eidgenössischen oder auch österreichischen Fußball erinnern.

Organisatoren und Verbände bemühen sich zwar, dieser rohen Gewalt durch symbolischen Aktivismus und mitunter auch sinnvolle Initiativen Einhalt zu gebieten, weil sie als geschäftsstörend erkannt wurden. Doch was immer solche Aktionen bewirken: Sie werden verdrängt durch die Wucht und Allgegenwärtigkeit der digitalen Multiplikationen, die in Sozialen Medien erreicht wird.

Wir Menschen sind, wie wir sind, im Guten wie im Schlechten, und wir werden uns so schnell auch nicht ändern. Aber es wäre langsam an der Zeit, dass die Prinzipien der persönlichen Verantwortung und Haftbarkeit für die eigenen Taten und Worte auch auf Nutzer wie Betreiber der digitalen Plattformen umfassende Anwendung finden. Diese sind nach wie vor in weiten Teilen ein rechtsarmer Raum. Das wird weder Rassismus noch sonstige menschenverachtende -ismen zum Verschwinden bringen, aber die Taten bekommen wenigstens einen Namen - und die dazugehörige Anschrift zwecks Zuteilung juristischer Verantwortlichkeiten.