Vergleichbare Bilder voller Zerstörung, Tod und Leid, wie sie im äußersten Westen Deutschlands zu sehen waren, blieben Österreich an diesem Wochenende erspart. Trotzdem herrschte entlang des Alpennordkamms Alarmstimmung. Tausende Feuerwehrleute waren zusammen mit Soldaten des Bundesheers und zahllosen Freiwilligen im Einsatz, den Wasser- und Schlammmassen Einhalt zu gebieten und mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Zwar ist die Gefahr entlang etlicher Flüsse, unter anderem der Donau, weiter nicht gebannt, trotzdem ist es geboten, über die politischen und anderen Konsequenzen zu diskutieren.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Da ist zum einen die Infrastruktur für den Katastrophenschutz in diesem Land. Einmal mehr erweist sich die flächendeckende Präsenz noch in den hintersten Talwinkeln von Freiwilligen Feuerwehren, die längst nicht nur zum Löschen ausrücken, als lebensrettende und güterschützende Einrichtung von unschätzbarem Wert. In den rund 4.500 Freiwilligen Feuerwehren im Land engagieren sich im Volleinsatz mehr als 300.000 Menschen, hinzu kommen mehr als 20.000 Jugendliche in Ausbildung. Allein mit staatlichen Mitteln lässt sich ein so dicht über die Republik geknüpftes Sicherheitsnetz zu vertretbaren Kosten nicht aufstellen. Umso wichtiger ist, dass der Staat dieses freiwillige Engagement fördert und stützt, wo dies notwendig und geboten ist. Das ist aber nur die leichtere Übung, zumal ein besseres Modell für Gesellschaft wie Steuerzahler nicht zu haben ist.

Die erheblich schwierigere Aufgabe besteht darin, die Gefährdungslandkarte in vielen Regionen den neuen Risiken anzupassen. Es gibt wahrscheinlich kaum einen Fluss oder Bach im Land, kaum eine von Lawinen und Erdrutschungen bedrohte Hanglage, die nicht trotzdem mit schmucken Einfamilienhäusern, oft sogar gleich mit ganzen Siedlungen bebaut sind. Oft schon seit Jahrzehnten. Schließlich ist in der Vergangenheit in der Regel auch nichts - oder jedenfalls nur wenig - passiert.

Doch diese Ära der trügerischen Sicherheit ist zu Ende. Immer öfter suchen uns extreme Wetterereignisse heim, die jedes für sich allesamt noch keinen Klimawandel ausmachen. Aber in ihrer Summe sind sie untrügliche Boten einer Veränderung, die uns in Riesenschritten erreicht. Starkregen, die den Himmel über Tage hinweg Wassermassen herabgießen lassen; dann wieder exorbitante Schneefälle, die mangels stabil kalter Winter in kurzer Zeit abschmelzen; Hanglagen, die mit Wasser vollgesogen die Erde abrutschen lassen; und so weiter und so fort. Gemeinde für Gemeinde, Bezirk für Bezirk muss diese keineswegs neuen, aber jetzt massiv gewachsenen Risiken neu kalkulieren und die entsprechenden raumplanerischen Schlüsse ziehen. Nicht immer werden Schutz- und Sicherungsbauten ausreichen.

Für die oberste, die globale Ebene hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel unter dem Eindruck der Zerstörungen zu noch schnellerem Handeln beim Klimaschutz aufgerufen. Das ist legitim. Schneller hätten es jedoch vor allem die Regierungen der vergangenen 10, 15 Jahre anlegen können - und damit Merkel selbst, aber auch die Regierungen in Österreich. Doch diese haben gezögert und gezaudert.

Für die kommenden Jahre und Jahrzehnte hat zumindest die EU mit dem Klimapaket "Fit for 55" ein mehrfach verschärftes und nunmehr außergewöhnlich ambitioniertes Programm vorgelegt. Wirtschaft und Politik werden Mühen haben, diese ehrgeizigen Ziele in konkrete Taten zeitgerecht umzusetzen. Noch mehr und schneller würde vor allem das Risiko erhöhen, dass weniger umgesetzt wird, als eigentlich möglich wäre, weil die Neinsager und Blockierer Oberwasser erhalten würden.