Es gibt Zeiten und Umstände, die fürchten den Zweifel wie der Teufel das Weihwasser. Die bestehenden (Macht-)Verhältnisse zu hinterfragen, gilt hier als Gift, das den Zusammenhalt zersetzt. Diesen Gedanken hat auch die Literatur immer wieder aufgenommen, am bekanntesten wohl in George Orwells Hauptfigur Winston in der düsteren Zukunftsprognose "1984", der allein schon durch heimliche Zweifel an den offiziellen Verlautbarungen zum Gedankenverbrecher und Staatsfeind wird.

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Wenn sich der Einzelne, und sei er oder sie noch so schwach, gegen die Mächtigen erhebt, hat das in unserem kulturellen Gedächtnis etwas unweigerlich Heroisches. So viel Meinungsfreiheit gibt es nicht, dass nicht, wer auf seiner Meinung gegen die Mehrheit beharrt, noch ein paar Strahlen dieses Heldenlichts abbekommt.

Die Impfskeptiker und -gegner sind längst nicht die Einzigen, die für sich den Heldenstatus einfordern. Mitunter möchte man fast glauben, nur wer möglichst oft gegen möglichst viel ist, dürfe sich als wahrhaft souveräner Bürger fühlen. In dieser Selbstgewissheit steckt ein Missverständnis. Der Germanist und Kulturphilosoph Wolfgang Müller-Funk hat soeben ein lesenswertes Buch veröffentlicht, in dem er alte und neue Essays zu einer "Kunst des Zweifelns" versammelt hat. "Fragen zu stellen, wo andere Antworten parat haben", ist der Leitfaden, an dem sich die Texte durch eine oft verwirrende Zeit entlang hangeln.

In einer Welt, in der praktisch jeder und jede eine Haltung, zumindest eine Meinung zu fast allen öffentlich verhandelten Streitfragen zu haben scheint, ist der Zweifelnde ein Fremder, weil sich auf Zweifel keine Gemeinschaft bauen lässt. Im Gegensatz zum Kritiker ist der Zweifler notorisch unpopulär. Nicht nur weil er keine Sicherheit bieten kann, sondern weil er bestehende Gewissheiten auch noch untergraben will.

Bis hierher werden sich wohl auch die meisten Dagegen-Bürger in Müller-Funks Thesen wiederfinden. Der Unterschied zwischen einem Zweifelnden und einem Kritiker besteht jedoch darin, dass der Kritiker nie um eine Antwort verlegen ist. Seine Selbstsicherheit bezieht er aus dem Umstand, dass er weiß, wo er selbst steht. Der Skeptiker dagegen bezieht seine Zweifel auch auf sich selbst und seine Position.

Bertolt Brecht, der an sich selbst wohl etwas Heldenhaftes vermutet hat, lässt in seinem "Galilei" einen Studenten ausrufen: "Unglücklich das Land, das keine Helden hat!", worauf die Titelfigur antwortet: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat." Auf die Gegenwart bezogen, ließe sich ergänzen: Unglücklich das Land, das Helden will und solche hat.