In Afghanistan fallen die Provinzhauptstädte den Taliban wie überreife Äpfel und gemäß den Gesetzmäßigkeiten von Dominosteinen in den Schoß: Die Eroberung der einen erzwingt den Fall der nächsten. Es schaut so aus, als dächten die Taliban gar nicht daran, der von ihren westlichen Verbündeten aufgegebenen Regierung in Kabul – oder besser gesagt dem, was von ihr übriggeblieben ist – auch nur einen mageren Winter des Überlebens zu gönnen.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Nach der Einnahme von insgesamt fünf Provinzhauptstädten binnen weniger Tagen durch die militant-islamistischen Kämpferverbände, darunter auch die strategisch bedeutende nördliche Stadt Kunduz, deutet alles darauf hin, dass noch vor dem Ende der Kampfsaison im Oktober auf den Schlachtfeldern des zentralasiatischen Pufferstaats eine Vorentscheidung über die kommenden Machtverhältnisse fallen soll. Nur ein von außen erzwungenes Ende der Kämpfe vermag den Eroberungszug der Taliban zu stoppen, doch ein solcher ist erst mit dem Spätherbst in Sicht; im Land am Hindukusch vermag allein das Wetter eine Verschnaufpause zu verordnen, bis im Frühjahr die Kämpfe verlässlich von Neuem beginnen.

Schon allein diese natürliche Abfolge von Krieg und Atempause offenbart den strategischen Dilettantismus (oder die Gleichgültigkeit) der Beendigung der internationalen Afghanistan-Mission: der Abzug von USA und Nato soll Ende August abgeschlossen sein, schon jetzt haben 95 Prozent der Truppen das Land verlassen. Warum nicht wenigstens Ende Oktober, um den eigenen Verbündeten wenigstens einen kurzen Winter Zeit für den Überlebenskampf zu verschaffen?

Die Vorgänge am Hindukusch werden an Europas Grenzen wie auch in Österreich zu spüren sein. Und zwar eher früher als später. Davon zeugt auch die Einberufung eines Sondertreffens der EU-Innenminister mitten in der Sommerpause am 18. August. Nicht nur, dass die Machtübernahme der Taliban neue Flüchtlingswellen in die Nachbarstaaten Iran wie Pakistan und eben auch nach Europa spülen wird; die Rückkehr der vollbärtigen Turbanträger wird auch die Frage von Rückführungen zwingend neu bestimmen. Dabei geht es zwar quantitativ um vernachlässigbare Größenordnungen, aber um eine politisch enorm sensible Angelegenheit.

Junge, männliche afghanische Asylwerber geraten in ihren Gaststaaten häufiger in Konflikt mit den Gesetzen; in Österreich wurde das aus Anlass der Tragödie um die 13-jährige Leonie breit diskutiert, die von bereits straffällig gewordenen Männern unter Drogen gesetzt, brutal vergewaltigt und schließlich beim Sterben sich selbst überlassen wurde. Kein Staat, keine Gesellschaft will solchen Tätern Schutz gewähren, sondern sie konsequent in deren Heimat abschieben. Die politische Forderung "Straftäter abschieben" erhält deshalb Unterstützung quer über alle Parteien hinweg und in der Bevölkerung sowieso.

Doch dieser Politik werden die Gerichte, angefangen beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof, zunehmend Hürden in den Weg legen. Und dieser Prozess hat bereits begonnen. Da wird es auch nicht helfen, die afghanische Botschafterin, die öffentlich für ein Aussetzen der Abschiebungen plädiert, ins Außenministerium zu zitieren und auf gegenteilige Zusagen der Regierung in Kabul zu verweisen. Diese Regierung wird demnächst Geschichte sein.

Österreichs Regierung sollte sich also besser schon jetzt überlegen, wie mit straffälligen Asylwerben aus Afghanistan dann umgegangen werden soll. Die Bürger werden nämlich eine Antwort auf diese Fragen hören wollen.