Kabul ist also so gut wie gefallen, sein nomineller Präsident ins benachbarte Ausland geflohen – nicht binnen 30 bis 90 Tagen, wie es die besten Geheimdienste der Welt vor fünf Tagen weissagten. Am Ende hat es keine Woche gedauert, bis die Herrschaft der offiziellen afghanischen Regierung wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt ist.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Angesichts der Bilder und Meldungen der letzten Tage drängt sich ein Vergleich mit der Lage in Saigon Ende April 1975 auf, als die USA schon einmal militärisch in die Ecke gedrängt und in höchster Not ihre letzten Bürger und Diplomaten vor Ort aus einem verlorenen Krieg evakuieren mussten. Doch dieser Vergleich ist schief. Nicht etwa, weil die USA bis zuletzt beteuerten, es werde keinen "Saigon-Moment" in Kabul geben. Schließlich hat dies die Regierung von US-Präsident Joe Biden ausgeschlossen. Andererseits ist fast alles genau so eingetreten, wie es die Biden-Administration eingentlich ausgeschlossen hat.

Doch zurück zum Vergleich mit Saigon 1975. Kabul im August 2021 ist schlimmer; nicht, was die damalige Panik der Menschen, deren echte Todesangst angeht, aber sehr wohl aus der politischen Sicht der Vereinigten Staaten. Immerhin unterstützten damals in Vietnam sowohl China wie auch die Sowjetunion auf die eine oder andere Art die kommunistischen Rebellen in ihrem Kampf gegen die stärkste Macht der Welt. Die radikal-islamistischen Taliban haben dagegen allenfalls ein paar Finanziers aus islamischen Staaten und eine prekäre, weil stets gut versteckte Allianz mit den Geheimdiensten und Militärs Pakistans, ein Staat, der einmal zu den engsten Verbündeten der USA in der Region zählte, und nominell immer noch als Alliierter gilt.

Das Fiasko, das der Westen am Hindukusch erleidet, wird Folgen haben, die noch Jahre, eher Jahrzehnte nachhallen werden. All der gigantische finanzielle Aufwand, den die westlichen Demokratien betrieben haben, vermochte nicht zu verhindern, dass der Feind das Land binnen eines Sommers wieder unter Kontrolle gebracht hat. Die Kosten der USA werden auf bis zu 2,8 Billionen Euro geschätzt – eine Billion besteht aus einer 1 mit zwölf Nullen -, jene für den Beitrag Deutschlands auf rund 12 Milliarden Euro; insgesamt dürfte die 3-Billionen-Euro-Grenze also locker gerissen werden. Für nichts und wieder nichts kann man nicht sagen, weil die politischen Kosten dieser Niederlage des Westens hier nicht eingepreist sind, einfach weil sie noch niemand zu beziffern vermag.

Afghanistan wird für lange Zeit der letzte militärische Großeinsatz der westlichen Demokratien weit weg von den eigenen Bürgern und Grenzen gewesen sein. Künftig wird es vor allem um Stabilität gehen, nicht um die Durchsetzung von Demokratie, Freiheit und Grundrechten mit militärischer Macht und Präsenz vor Ort. Es wird reichen, wenn von einem Gebiet keine Gefahr für die westlichen Interessen ausgehen, die inneren Angelegenheiten werden wieder innere Angelegenheiten sein, die den Westen allenfalls noch dann interessieren, wenn es in unmittelbarer Nachbarschaft geschieht. Aber auch das ist nicht unbedingt gewiss.

Dass ausgerechnet Russland, das Ende der 1980er Jahre eine demütigende Niederlage gegen die Vorläufer der Taliban, die Mudschahedin, erlitt, am Sonntag ganz cool erklärte, angesichts des chaotischen Abzugs der USA selbstredend in Kabul zu bleiben, war mehr als nur eine kleine Spitze gegen den großen Rivalen. Es war ein Hinweis auf die künftige neue Rollenverteilung vor Ort.

Europa wird sich, anders als die USA, nicht einfach von Afghanistan abwenden können. Ganz einfach, weil zwar viele tausend Kilometer Land zwischen den beiden Regionen liegen, aber kein großer Ozean.