Der Plan war, man muss so sagen, voll westlich idealistischer Hybris, und trotzdem von großer Verführungskraft: Stabilität, Sicherheit samt ein bisschen Wohlstand - und warum nicht auch Demokratie und Rechtsstaat? - in fernen Ländern gemeinsam mit den Menschen vor Ort aufzubauen. Im Hochgefühl von 1989 glaubte der Westen, Berge versetzen zu können, auch in flachen Wüsten.

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Nach den Erfahrungen im Irak trägt das Debakel am Hindukusch diese Illusion endgültig zu Grabe. "Die Lehre aus den letzten 20 Jahren ist, dass das Ziel des Systemwechsels, militärisch einzugreifen, um eine Diktatur zu beenden, um eine Demokratie aufzubauen, fast durchgängig gescheitert ist": Das sagt nicht irgendwer, sondern der Kanzlerkandidat von CDU/CSU, Armin Laschet, also jener Politiker, der immer noch die besten Chancen hat, der nächste deutsche Bundeskanzler und mächtigste europäische Politiker zu werden.

Laschet hat damit für die Vergangenheit und ferne Regionen recht; aber was bedeutet das für die unmittelbare Nachbarschaft Europas, etwa mit Blick auf die chronische Instabilität am Südufer des Mittelmeers? Wenn Laschets Analyse als Plädoyer für Nichteinmischung gemeint sein sollte, würde dies die EU zu einem Schicksal als bloßer Passagier auf dem Zug der internationalen Ereignisse verurteilen, ohne eigene Handlungsmöglichkeiten und Gestaltungskraft. Der Satz des deutschen Verteidigungsministers Peter Struck aus dem Jahr 2002, wonach "die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt wird", war in seinem Kern und um "Europa" ergänzt nicht so falsch, wie er heute scheint.

Die Taliban haben dafür gesorgt, dass Europa noch weit vor dem Ende der Pandemie die nächste Flüchtlingsdebatte führen muss. Einige zehntausend Menschen werden hier wohl Schutz suchen und ihn gewährt bekommen, je stärker ein Land in Afghanistan engagiert war, desto mehr, aber auch in Österreich werden die Zahlen steigen, einfach weil hier schon eine vertraute Community lebt und Land wie Leute sich um die Integration kümmern.

Für die Mehrheit der Afghanen, die auf eine Niederlage der Taliban gehofft haben, wird die Reise nach Europa aber keine Lösung sein, nicht sein können. Es ist deshalb im ureigensten Selbstinteresse Europas, all diesen eine Zukunftsperspektive in der Region zu bieten. Flucht vor Verfolgung ist die Grundlage für Asyl, die Suche nach einem besseren Leben verlangt nach anderen Maßnahmen. Und diese verlangen der EU und ihren Bürgern um nichts weniger ab.