Es war noch nie leicht, ein guter Mensch zu sein. Womöglich ist es heute sogar schwieriger, weil jede Tat, jedes Wort im gleißenden Licht einer Öffentlichkeit geschieht, die von der eigenen Moralität stets überzeugt ist. Wer noch niemals mit dem moralischen Bihänder
Politik betrieben hat, darf den ersten Stein werfen. Das gilt auch für die Inszenierung abgeklärter Realpolitik, wenn es gerade passt.

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All dies lässt sich anhand der emotionalen Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan nachzeichnen. Die Parallelen zu 2015 - bezogen auf die Diskussion, nicht die Ereignisse - sind unübersehbar, gerade im Hinblick auf Verzerrungen, Auslassungen und Verklärung.

Wieder gibt es ein großes und öffentlich artikuliertes Bedürfnis, Menschen in Not zu helfen, wieder wird gefordert, die Türen nach Europa für die Menschen auf der Flucht zu öffnen, wieder werden Flüchtlinge dämonisiert, wieder werden von den einen bestehende Vorbehalte in der Bevölkerung ignoriert und von anderen deren Urängste aktiviert. Erneut dominieren Schlagworte und Phrasen, wo es eigentlich auf Details und Zwischentöne ankäme. Und wieder wird Moral höchst selektiv in Stellung gebracht (wie auch sonst): Dass in Österreich und anderswo bereits eine dritte Impfung gegen Covid-19 erfolgt, noch bevor Milliarden Menschheit eine erste erhalten haben, wird unendlich mehr Menschenleben fordern als jede noch so große Aufnahmeaktion. Thema ist das trotzdem keines.

Worüber dagegen nicht, oder jedenfalls nicht ausreichend, in diesem Land gesprochen wird: Ob es nicht einen Unterschied gibt - und geben muss - zwischen zutiefst persönlichen Werten und der Moral eines Staats und was für Konsequenzen sich daraus ableiten? Ob die einzelnen, moralisch begründeten Forderungen nicht nur von allgemeiner Gültigkeit sind, sondern auch dauerhaft und unabhängig von wechselnden Stimmungen und Betroffenen politisch und strukturell um- und durchsetzbar sind, sie also auch konsequent bis zu einem potenziell unangenehmen Ende durchdacht sind? Denn auch das unterscheidet Staat und privat: Die demokratisch legitimierte Politik handelt nicht auf eigene moralische Rechnung, sondern muss alle Folgen vor der ganzen Gemeinschaft verantworten.

2015 wird sich nicht wiederholen, weil wir 2021 schreiben und die Politik aus den Fehlern und dem Guten von damals Lehren gezogen hat. Das erkennt, wer auch die Zwischentöne hört. Nur der universale Wunsch, ein guter Mensch zu sein, ist ungebrochen.