Die Politik kennt zwei harte Währungen und eine weiche. Wahlergebnisse und konkrete Entscheidungen bilden den Goldstandard, Umfragewerte sind das, was man früher einmal über die italienische Lira sagte: Besser als gar kein Geld, aber nicht wirklich wertbeständig. Medienkommentare, die mehr auf das fokussieren, was nach Ansicht der Autoren sein sollte, statt auf das, was in den Augen vieler ist, fallen in die Kategorie Katzengold. Dessen Wert ist bekanntlich allenfalls ein ideeller oder ästhetischer, aber ganz sicher kein materieller.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Wer Politik so emotionslos betrachtet, für den können die 99,4 Prozent für Sebastian Kurz beim Bundesparteitag der ÖVP vom Wochenende keine Überraschung gewesen sein. Vor Kurz fiel die ÖVP in Umfragen schon einmal unter die für jede Volkspartei existenzgefährdende 20-Prozent-Marke, mit ihm eroberte sie zwei Mal souverän Platz eins, zuletzt mit 37,5 Prozent und 16,5 Prozentpunkten vor der Nummer zwei, der SPÖ. In den Umfragen rangiert die ÖVP stabil bei 30-Prozent-Plus – und dies, obwohl ihr seit Monaten die Kritik im Parlament und aus den Medien um die Ohren fliegt.

Das hat zum einen mit einer brustschwachen Konkurrenz zu tun, zum anderen mit der Strategie der ÖVP, um alle unpopulären Entscheidungen selbst dann einen großen Bogen zu schlagen, wenn diese notwendig wären. Stattdessen spricht die ÖVP unter Kurz mit zwei Schlagworten die größtmögliche Zielgruppe für eine Mitte-Rechts-Partei an: Härte bei Zuwanderung und Asyl sowie das Versprechen einer finanziellen Entlastung für Steuerzahler. Zum Leid von SPÖ, FPÖ und Grünen kommt noch hinzu, dass auch die ÖVP die Vorteile eines spendablen Sozialstaats für sich entdeckt hat.

Das ist das Fundament für den Erfolg von Sebastian Kurz. Zu kritisieren gibt es daran genug, in Stil wie Inhalt, aber aus der Perspektive eines ÖVP-Funktionärs hat es seit Jahrzehnten keine besseren Zeiten für die Partei gegeben.

Sicher, dies alles kann sich schnell drehen, der stabile Höhenflug des Kanzlers und seines Teams kann erst ins Trudeln kommen und dann steil nach unten gehen. Dunkle Wolken gibt es durchaus, der lange Schatten der Ibiza-Affäre ist eine reale Gefahr.

Die ÖVP hat das erkannt und stellt sich entsprechend auf: Sie bündelt die geballte Kritik der Opposition an Kurz und versucht, deren Wut und Wucht in die Mobilisierung und Motivation der eigenen Anhänger umzuwandeln: Energie bleibt Energie, es ändert sich lediglich das Vorzeichen.

Trotzdem bleibt Politik unverändert ein Geschäft von wahnwitziger Geschwindigkeit und Unberechenbarkeit, in dem sich noch dazu negative Geschichten länger halten als positive. Der SPÖ hängt ihr missratener Parteitag von Ende Juni bis heute nach; die 99,4 Prozent für Kurz werden deshalb schnell vergessen sein, wenn neue, schlechtere Nachrichten für die ÖVP in die Schlagzeilen drängen. Dann kommen wieder die drei Währungen der Politik ins Spiel, die beiden harten und die eine weiche.