Es ist mehr als Wortklauberei. Wenn die EU-Außenminister von einem "operativen Engagement" in den Verhandlungen mit den Taliban in Afghanistan sprechen, dann ist das nicht nur diplomatisches Geplänkel. Es ist der Versuch, sich um das Thema der politischen Anerkennung einer Gruppe zu winden, die bis jetzt weithin als "Terroristen" bezeichnet wurde. Doch aus diesem Dilemma kommt die EU nicht so schnell heraus: Um nicht jegliche Einflussmöglichkeit zu verlieren, sei es auch, um Menschen im Land zu helfen, muss sie mit den dortigen Machthabern oder Behörden in Kontakt treten und, wieder diplomatisch formuliert, "die Kanäle offen halten". Die Taliban sind daran äußerst interessiert, nicht zuletzt wegen des Zugangs zu internationalen Hilfs- und anderen Finanzprogrammen. Und dass die Taliban die Macht halten, ist nun einmal eine Tatsache.

Die EU knüpft ihr "Engagement" jetzt an mehrere Bedingungen: Sie fordert von den Taliban unter anderem, Menschenrechte einzuhalten, Pressefreiheit zu gewähren, humanitäre Hilfe nicht zu blockieren sowie zu garantieren, dass Afghanistan nicht wieder zu einer Basis für international agierende Terrorgruppen wird. Das Ausmaß der Zusammenarbeit soll von der Erfüllung der Voraussetzungen abhängen und kann sich entsprechend steigern.

Damit gehen die Europäer ein Stück weiter, als sie laut Völkerrecht müssten. Dieses knüpft die Anerkennung von Staaten oder Regierungen nämlich nicht an Kriterien wie Menschenrechte oder demokratische Legitimation. Es richtet sich vielmehr nach dem Prinzip von Effektivität in dem Sinne, dass jemand die Hoheitsgewalt und damit so etwas wie die staatliche Kontrolle über ein Territorium hat. Die völkerrechtliche Anerkennung von diktatorisch geführten Staaten ist daher gängige Praxis - auch in der EU. Die Europäer mögen zwar in China, Russland oder Nordkorea auf Menschenrechte pochen, dennoch hinterfragen sie nicht die Legitimität der Gesprächspartner. Nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen lassen sie "die Kanäle offen halten". Im Übrigen erkennen manche Länder - unter anderem die USA, Großbritannien und die Schweiz - seit Jahrzehnten lediglich Staaten und nicht Regierungen an. Mit neuen Machthabern regeln sie das Verhältnis über diplomatische Beziehungen, die einfach fortgesetzt oder abgebrochen werden - oder eben aufgenommen.

Rechtlich betrachtet ist hier Moral keine Kategorie. Die EU will aber sehr wohl moralische Vorstellungen in die Debatte hineinbringen. Ob die Taliban die Bedingungen erfüllen, werde sich weisen, meint der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Wie sehr die EU selbst an ihren Prinzipien festhält, wird sich auch erst zeigen.