62 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind zumindest einmal gegen Covid geimpft, mindestens 70 oder vielleicht sogar 85 Prozent wären laut Epidemiologen für eine Herdenimmunität notwendig. Die große Frage lautet nun: Wie bringt man das fehlende Fünftel zum Stich?

Mit einem "Impf-Hunderter", sagt SPÖ-Chefin und Medizinerin Pamela Rendi-Wagner. Mit einer Lotterie ab 80 Prozent Geimpften, sagt ihr Parteikollege im Burgenland, Hans Peter Doskozil. Und auch in Kufstein will man Junge zur Impfung locken, indem man unter anderem Spielkonsolen unter Geimpften verlost. Aber kann das funktionieren? Jein.

Grundsätzlich ist die Gefahr groß, eine Neiddebatte auszulösen, die sich gewaschen hat, wenn zum Beispiel nur Impfneulinge ihre 100 Euro dafür einkassieren. Denn den rund fünf Millionen teils längst freiwillig Geimpften müsste man erst einmal schlüssig erklären, warum unsolidarisches Verhalten auch noch belohnt werden sollte. Und bekämen alle Geimpften auch rückwirkend ihren Hunderter, wäre das mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Trotzdem wäre das vielleicht letztlich immer noch billiger als eine großangelegte, zielgruppengerichtete Informationskampagne, die jene Bevölkerungsteile – insbesondere im migrantischen Milieu – erreichen würde, die vielleicht impfwillig wären, wenn man sie dezidiert anspräche. Und dann sind da noch viele (vor allem Junge), die einfach bisher keine Impfnotwendigkeit sehen, weil sie im Falle einer Ansteckung mit einem milden Covid-Verlauf rechnen. Die Sozialen Medien würden den Verantwortlichen entsprechende Mittel dafür in die Hand geben, und natürlich bräuchte es auch Multiplikatoren in den Communities. Genauso wie Gynäkologen jenen Frauen, die sich um ihre Fruchtbarkeit sorgen, beruhigen könnten. Die Hardcore-Impfgegner wiederum wird man weder mit Aufklärung noch mit 100 Euro dazu bewegen, sich stechen zu lassen. Vielleicht sollte man diese Gruppe tatsächlich ignorieren, statt hier sinnlos Geld in Überzeugungsarbeit zu stecken.

Man wird es sowieso an anderer Stelle noch dringend brauchen: nämlich für weitere Tests auch bei Geimpften in infektionsanfälligen Situationen. Schließlich zeigen die Impfdurchbrüche, dass eben auch Geimpfte das Virus verbreiten können und der Abtausch Impfung (Gesamtkosten: bisher 400 Millionen Euro) gegen Tests (1,8 Milliarden Euro) eine Milchmädchenrechnung ist, solange es vulnerable Bevölkerungsgruppen gibt, die zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht geimpft werden könnten, selbst wenn sie es wollten – zum Beispiel mehr als eine Million Kinder bis zwölf Jahre. Deshalb sollten die Tests zumindest für Geimpfte weiterhin gratis sein. Das wäre vielleicht ein Belohnungssystem, das auch wirken würde.

Ob das verfassungsrechtlich hielte, steht freilich auf einem anderen Blatt. Gleiches gilt für eine 1G-Eintrittsregel. Außer das eine G bezieht sich auf "Getestet", wie es ein Nachtclubbesitzer am Samstagabend im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" beschrieben hat: "Wir werden einfach alle am Eingang testen, die keinen Testnachweis mitbringen. Und nur wer getestet ist, kommt rein. Das deckt das Hausrecht ab. Und das ist auch nicht diskriminierend." Ein Ansatz, der sicher Charme hat. Allerdings: Wer kontrolliert die – bekanntermaßen teils recht laschen – Kontrollen? Auch die – vor allem nächtlichen – dafür notwendigen Überstunden der Exekutive wären ganz schön teuer.

Die Kernfrage in Bezug auf die notwendige Steigerung der Durchimpfungsrate lautet aktuell also, auf was die Politik setzen sollte: Belohnung, Verbote oder Aufklärung? Die Verhaltensökonomie kann hier Antworten geben. Die werden wahrscheinlich so differenziert ausfallen wie die Bevölkerungsschichten, die bis dato noch nicht durchgeimpft sind. Und so wird wohl jede ihren je eigenen Ansatz brauchen, um sie zu motivieren. Das ist aufwendig – um nicht zu sagen: mühsam – und sicher nicht billig. Aber immer noch billiger als noch einmal Milliarden und Abermilliarden in die Wirtschaft zu buttern, wenn eine unnötig starke vierte Welle neue Lockdowns notwendig macht.