Vielleicht ist das der beste Vergleich, um die aktuelle Lage der Pandemie einzuordnen: Als zuletzt der Ausblick düster war, begann gerade eine neue, ansteckendere Virusvariante ihren Siegeszug; die Infektionszahlen waren hartnäckig hoch, und das Personal in den Spitälern arbeitete am Anschlag; außerdem lief die Impfstoffproduktion gerade erst an, und die EU-weite Verteilung holperte erheblich.

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Das war Mitte Jänner. Wesentliche Teile der Wirtschaft und Öffentlichkeit drängten auf Öffnungsschritte vom bestehenden Lockdown, doch die Berechnungen und Analysen der Experten gingen genau in die Gegenrichtung. Verunsichert von diesem Druck und in einem raren Eingeständnis der eigenen Schwäche suchte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) den Schulterschluss mit der stärksten Oppositionspartei, der SPÖ. Bei der Pressekonferenz an einem Sonntag, bei der nicht nur eine Verlängerung, sondern sogar eine Verschärfung des Lockdowns verkündet wurde, stand der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig erstmals an der Seite des türkis-grünen Corona-Kabinetts. Dies sollte den Bürgern nationale Geschlossenheit signalisieren.

Von diesem Jänner ist das Land heute weit entfernt. Glücklicherweise, muss man hinzufügen. Zwar steigen auch jetzt, Anfang September, die Infektionszahlen und die belegten Betten auf den Intensivstationen in einem Ausmaß, das Wachsamkeit und ein geeignetes Maßnahmenbündel verlangt. Allerdings hat sich der Impfstoffmangel längst in einen Überfluss umgekehrt; was heute am dringendsten vermisst wird, sind Impfwillige unter den fast 40 Prozent Ungeimpften.

Die Impfung hat der Pandemie zumindest in den reichen Staaten das Existenzielle für die Gemeinschaft genommen (in den ärmeren Ländern ist es noch immer anders). Zwar sah sich die Regierung am Dienstag gezwungen, die Maßnahmen erneut zu verschärfen, aber vor allem die Kanzlerpartei fühlt sich dabei wieder selbstgewiss genug, auf eigene Rechnung die Richtung vorzugeben, statt den Schulterschluss mit den SPÖ-Ländern zu suchen. Also hielt Wiens Bürgermeister am Mittwoch wieder eine eigene Pressekonferenz ab, nachdem der Kanzler die meisten Maßnahmen ohnehin vorab schon in den Medien platziert hatte.

Das kann man bedauern, weil ein bisschen mehr Miteinander diesem Land noch selten geschadet hat. Genau darin liegt aber auch die gute Nachricht: Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei, aber sie ist dank der Impfung managebar, und die ÖVP sieht keinen Grund mehr, die Bühne mit dem politischen Mitbewerber zu teilen. Raum für Fehler und Fehleinschätzungen bleibt dennoch zur Genüge.