Noch etwas mehr als zwei Wochen, und Europa könnte ein mittleres Politikbeben erleben. Damit sind nicht die oberösterreichischen Landtagswahlen gemeint, sondern die gleichfalls am 26. September stattfindenden Wahlen zum Deutschen Bundestag. Bei diesen wird zum ersten Mal seit der Gründung der BRD der Regierungschef nicht mehr antreten, und genau das verleiht der Wahl ihre Unberechenbarkeit.

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Demokratie bezieht ihre Erneuerungs- und Selbstreinigungskraft aus Veränderung, Personal und Parteien an der Spitze ausdrücklich miteingeschlossen. So gesehen ist die Aussicht auf eine neue Kanzlerpartei angesichts von 16 Jahren Angela Merkel eher eine Selbstverständlichkeit als der Bruch, als der sie nun allgemein empfunden und medial diskutiert wird.

Das Problem ist, dass sich Deutschland an die - faktisch trügerische, weil von der Kanzlerin nur moderierte - Stabilität als zweite Natur des Landes gewöhnt hat; und nicht nur Deutschland: Die EU hat diese traumwandlerische Berechenbarkeit ihres mächtigsten Mitgliedstaates als Fix- wie Orientierungspunkt für die eigene Entwicklung benutzt.

Auch wenn Merkel am Donnerstag erklärte, es sei jedem in CDU und CSU klar gewesen, dass man nach 16 Jahren nicht automatisch wieder ins Kanzleramt komme, trifft die Aussicht auf den Machtverlust die Union so unvorbereitet wie ein Schlag in die Magengrube. Ja, nicht einmal die Leerformel vom "Abgerechnet wird zum Schluss" stimmt: Bereits jetzt haben Millionen ihre Stimme per Briefwahl abgegeben - mitten im Stimmungstief für die Union.

In ihrer Verzweiflung greifen CDU und CSU auf Mobilisierungstricks zurück, die auch in Österreich wohlbekannt sind: keine Regierungsbeteiligung als Juniorpartner, vor allem aber die Warnung vor einer Linkskoalition aus SPD, Grünen und Linkspartei. Doch nach wie vor sind die Augen einer ungläubigen Öffentlichkeit zur Hauptsache auf den Absturz der Union gerichtet und nicht auf die zweite und dritte Reihe in der SPD, wo viele - inklusive der nominellen Parteispitze - tatsächlich von einem linken Politikwechsel träumen. Und die Razzia der Staatsanwälte im Finanzministerium des SPD-Kanzlerkandidaten wird mit erstaunlichem Gleichmut lediglich vermerkt. Kaum zur Sprache kommt auch die strategische Rolle, die plötzlich der liberalen FDP zukommt, die sich in der Rolle der Kanzlermacherin wiederfinden könnte.

Das sind ein bisschen viele unterbeleuchtete Flecken für eine solche Wahl. Fix ist immerhin, dass der Urnengang mit einem Desaster endet: entweder für die Union oder die Meinungsforscher.