Ab Sonntag beginnt für Deutschland wie Europa eine neue Zeitrechnung. Und das möglicherweise mit einem lauten Knall. Dabei verstört weniger, wie unberechenbar die Szenarien für eine künftige Regierung des einflussreichsten EU-Mitgliedslandes bis zum letzten Tag des Wahlkampfs sind. Am meisten irritiert die Provinzialität einer Debatte, auf die sich die Akteure jahrelang vorbereiteten.

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So, wie die Umstände des Brexit-Referendums, wo einer aufgeheizten Öffentlichkeit unbelegte Behauptungen und Lügen zum Wiederkäuen vorgeworfen wurden, berechtigte Zweifel an der Reife der britischen Medien-Demokratie aufkommen ließen, so wenig war dieser Wahlkampf dem Anspruch Deutschlands auf eine europäische Führungsrolle gewachsen.

Die inhaltlich läppischen Buchveröffentlichungen der Kanzlerkandidaten wurden einer peniblen Recherche unterworfen, wie man es sich für deren Vorhaben in den kaum minder wichtigen Bereichen Steuern, Migration, Sicherheit und Europa gewünscht hätte. Das ist keine Verniedlichung von Plagiatsvergehen, sondern Kritik an einer fehlgeleiteten Themengewichtung.

Das gilt auch für die Rolle, die in diesem Wahlkampf den Legionen an Meinungsumfragen zukam. Die Jagd nach der neuesten Prognose überdeckte zu weiten Teilen die inhaltliche Auseinandersetzung. Das kann man jedoch nicht allein den Medien ankreiden, Parteien wie Spitzenkandidaten tragen Mitverantwortung: Deren Streben, inhaltlich im Ungefähren zu bleiben, um vor der Wahl keine Wählergruppe zu vergraulen und nach der Wahl möglichst viel politischen Spielraum zu haben, betreibt Raubbau an der Idee einer auch sachlich informierten Wahlentscheidung.

Auch wegen dieser Verweigerung einer sachpolitischen Auseinandersetzung waren die Personen im Fokus. Eine solche Personalisierung entspricht dem langen Trend, dass Vertrauen und Sympathie in die Spitzenkandidaten die Themen und Ideologie der Parteien in den Hintergrund drängen. Bei der freihändigen Vergabe des Attributs "kanzlertauglich" wird aber übersehen, dass sich der harte Beweis erst im Amt offenbart. Nur eine Minderheit traute Angela Merkel bei ihrem ersten Antreten 2005 diese Rolle zu; 16 Jahre später hat sie dem Amt ihren Stempel aufgedrückt, an dem sich ihre Nachfolger messen lassen müssen.

All diese Faktoren lassen diese Wahl zum Glücksspiel mit offenem Ausgang werden. Das darf man unbefriedigend nennen, zumal es um die künftige Führung des wichtigsten EU-Mitgliedslandes geht.