Rendezvous mit der Realität sind nicht immer angenehm. Sie sind aber unumgänglich. Die Gestaltung des idealen CO2-Preises und die richtigen Instrumente im Kampf gegen den Klimawandel sind so ein Treffen der Klimapolitik mit der Realität. Man kann viel falsch und wenig richtig machen. Und nichts zu tun, wäre überhaupt ganz falsch.

Marina Delcheva ist Leiterin des Ressorts "Wirtschaft" bei der "Wiener Zeitung".
Marina Delcheva ist Leiterin des Ressorts "Wirtschaft" bei der "Wiener Zeitung".

Um die Erderwärmung einigermaßen wieder in den Griff zu bekommen, muss der CO2-Ausstoß radikal reduziert werden, und zwar auf allen Ebenen. Das heißt auch, dass man CO2 stärker bepreisen muss, damit klimaschädliches Verhalten teurer und somit unattraktiver wird. Denn bis 2050 wollen die EU-Staaten klimaneutral sein, also nur so viel CO2 ausstoßen, wie auf natürlichem Weg abgebaut wird.

Auf der anderen Seite zeigen sich die Öl und Gas fördernden Länder selbstbewusst wie eh und je - trotz der ambitionierten Klimaziele und weitreichender gesellschaftlicher und industrieller Umbrüche. Der "World Oil Outlook" der Opec prognostiziert bis 2045 ein Weltwirtschaftswachstum von 28 Prozent. Mit dem Wachstum steigt aber auch der Hunger nach Energie. Mit der aktuellen Ausbaugeschwindigkeit von CO2-neutralen Energieträgern und Netzen wird sich dieser Hunger aber nicht klimaneutral decken lassen. Derzeit werden nur knapp 2,2 Prozent des globalen Energiebedarfs durch erneuerbare Energiequellen gedeckt. 80 Prozent entfallen auf Öl, Gas und Kohle. In der EU ist die Energieträger-Bilanz zugunsten der Erneuerbaren etwas besser, aber Gas und Öl spielen nach wie vor eine gewichtige Rolle.

Die Opec rechnet vor, dass die jährliche Ölfördermenge von derzeit knapp mehr als 11 Milliarden Tonnen auf 13,3 Milliarden Tonnen bis 2045 steigen soll. Das sieht man aktuell auch an der Preisentwicklung: Der Großhandelspreis für Erdgas hat sich seit Jahresanfang fast verdoppelt, der Erdölpreis steigt seit Wochen und ist derzeit mit 80 Dollar pro Barrel Brent so hoch wie seit drei Jahren nicht mehr.

Gleichzeitig stockt der Ausbau von Windrädern, neue Wohnhäuser werden weiterhin ohne Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern gebaut, und der Ausbau von Leitungen, die dem neuen Energiesystem gerecht werden, dauert mitunter Jahre und verliert sich in bürokratischen Hürden und UVP-Streitigkeiten.

Die Klimaziele der EU, bis 2050 klimaneutral zu werden, bieten Europa die Chance, ein Vorreiter und Standort-Hub für neue, grüne Technologien zu werden. Sie bergen aber auch die Gefahr, dass sich die EU-Staaten im Ausbau-Hickhack und zaghaften Reformschritten verlieren, während die Weltwirtschaft, angetrieben von Öl und Gas, davondüst.