Stell dir vor, es ist Schule, und keiner geht hin. Diese Vorstellung wird sich mit Montag wohl als politische Wunschvorstellung erwiesen haben. Die doppelte wie  widersprüchliche Kommunikation der Politik in Sachen Lockdown und Schule, die Bildungseinrichtungen seien zwar offen, man solle die Kinder aber bitte nicht hinschicken, sollte den Familien und damit den Eltern alle Möglichkeiten offen lassen. Eltern wissen schließlich am besten, was für den eigenen Nachwuchs, die eigene Familie am besten geeignet ist, argumentierte Bundeskanzler Alexander Schallenberg. Beim genaueren Hinsehen bietet dieses liberale Angebot aber nur eine scheinbare Wahlfreiheit.

Judith Belfkih ist stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Judith Belfkih ist stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Die Schulen bleiben nicht nur offen, Unterricht finden an vielen Standorten auch ausschließlich dort satt. Flächendeckendes Distance Learning ist nicht angedacht, heißt es aus dem Bildungsministerium. Für Kinder, die zuhause bleiben, soll es Lernpakete geben, die Schülerinnen und Schüler sind jedoch selbst für das Erarbeiten des Lehrstoffes verantwortlich. Das ist nicht die Grundidee von Schule. Lockdown-erfahrene Eltern wissen zudem: Kinder mit Lernpaketen sich selbst zu überlassen, das funktioniert nicht.

Die Kinder selbst im Homeschooling zu betreuen, ist keine realistische Alternative. Da die Schulen offiziell nicht geschlossen sind, haben Eltern keinen Anspruch auf Sonderbetreuung. Und dass sich Homeoffice und Homeschooling nicht unbedingt vertragen, hat so manche Familie noch in schlechter Erinnerung. Eltern hier freizuspielen, würde es vielen erleichtern, hier  einen Akt der Solidarität zu setzen.

Eine Schnellumfrage unter Eltern schulpflichtiger Kinder deutet an: Die Schulen werden im vierten Lockdown so voll sein wie in keinem davor. Die meisten würden ihre Kinder zwar gerne zuhause lassen, sehen aber angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen keine Möglichkeit dazu. Dabei wären heute so viele Kinder wie nie mit digitalen Endgeräten dafür ausgestattet - zumindest ab der fünften Schulstufe.

Soweit die persönliche Ebene. Die politische Nicht-Entscheidung in Sache Schule hat aber auch eine gesellschaftliche, eine pandemische Seite. Und um die geht es schließlich in einem Lockdown. Die Inzidenzen in der Altersgruppe der schulpflichtigen Kinder ist teils um ein Vielfaches höher als in der Gesamtbevölkerung. Hier nicht für eine zeitlich scharf begrenzte, aber konsequente Beschränkung der Kontakte zu sorgen, ist kurzsichtig und grenzt an Fahrlässigkeit. Die Verantwortung dafür auf die Eltern abzuwälzen, ist ein Armutszeugnis für die Politik und erinnert an Konzepte, die Pandemie zur Privatsache zu erklären. Dass sie das nicht ist, dafür reicht ein Blick auf die Intensivstationen. Der drohende Engpass dort könnte jeden und jede betreffen. Es gibt schließlich noch andere Krankheiten und Unfälle.

Je konsequenter der Lockdown umgesetzt und eingehalten wird, desto kürzer kann er sein. Da sind sich Experten einig. Schulen in der nun angedachten Art und Weise offen zu lassen, wird für ein deutlich  langsameres Sinken der Neuinfektionen sorgen. Dazu muss man nicht einmal Modellrechnungen bemühen. Und das bedeutet vor allem eines: einen längeren Lockdown für alle.