Die Auguren haben ihm eine lange, eine große Zukunft zumal, prophezeit. Sebastian Kurz galt als politisches Ausnahmetalent von einigen Gnaden. Am Donnerstag setzte der doppelte Ex-Kanzler nach zehn Jahren und mit gerade einmal 35 Jahren den absehbaren Schlusspunkt hinter seine politische Karriere. Dieses Ende zeichnete sich bereits mit dem erzwungenen Rückzug aus dem Kanzleramt Anfang Oktober ab, um einen Misstrauensantrag gegen seine Person aufgrund von Ermittlungen um Falschaussagen und manipulierte Umfragen abzuwenden. Die persönliche Zäsur, Vater zu werden, wird dieser Erkenntnis wohl zusätzliche Klarheit verschafft haben.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Kurz hat in den vergangenen Jahren der österreichischen Politik seinen Stempel aufgedrückt. Sein Versuch, eine etablierte, aber über Jahrzehnte hinweg erodierende Mitte-rechts-Partei gegen den Ansturm radikaler Populisten zu wappnen, weckte Interesse und Aufmerksamkeit in Europa und weit darüber hinaus. Anfangs neugierig, später dann immer skeptischer – durchaus im Gleichschritt mit der Fieberkurve der von schwarz auf türkis verwandelten ÖVP, die erst in lichte Höhen und zurück in jenes tiefe Tal der Tränen führte, aus dem der Hoffnungsträger die Partei einst gelotst hatte.

Sein Erfolgsgeheimnis – und später auch ein Faktor seines Niedergangs – war ein genuiner Emotionalisierungsschub, der für eine nüchtern-interessegeleiteten Partei wie der "alten ÖVP" neu und ungewohnt, aber für politischen Erfolg unter den Bedingungen der digitalen Medien längst zur Grundvoraussetzung geworden war.

Kurz ließ als Person, die ident schien mit dem Politiker, keinen Menschen kalt. Anhänger wie Gegner und auch die meisten professionellen Beobachter richteten ihre Positionen an ihm aus. Dieses Übermaß an Gefühlen, den positiven wie den negativen, die naturgemäß mit einer Polarisierung einhergehen, drängte fast jede sachpolitische Auseinandersetzung in den Hintergrund, ja machte eine solche notwendige Diskussion oft unmöglich. Das Land hat diese Entwicklung nicht weitergebracht, und die ÖVP, wie jetzt deutlich wird, auch nicht. Immerhin kann sie bis zu den nächsten Wahlen, wann auch immer diese sein werden, weiter als Kanzlerpartei Politik gestalten.

In seiner Abschiedsrede vermied es Kurz, sich als Opfer finsterer Mächte in Justiz, Medien und der versammelten Opposition darzustellen, obwohl nicht wenige seiner Anhänger seinen Sturz genau so sehen. Näher an der Realität ist, dass Kurz Opfer seines eigenen Politikverständnisses geworden ist, das verlässlich Form über Inhalt stellte, und unbedingte Loyalität höher bewertete als Kompetenz. Vor allem stolperte er über den Mangel an Gespür für die Grenzen der eigenen, der legitimen Macht. Die Folge ist ein Rattenschwanz an Justizermittlungen gegen ihn und seine Begleiter.

Wie es mit den ÖVP jetzt weitergeht, ob tatsächlich Innenminister Karl Nehammer als ÖVP-Obmann und womöglich auch Kanzler übernimmt, ist allerdings von lediglich zweitrangigem Interesse. Das Land befindet sich im vierten Lockdown, die Pandemie ist weiter nicht im Griff. Die Menschen haben ein Recht auf eine Regierung, die für sie und dieses Land arbeitet.