Auch die längste Abschiedstour findet einmal ein Ende. Am Mittwoch übernimmt in Deutschland Olaf Scholz an der Spitze einer rot-grün-gelben Ampel-Koalition die Regierungsgeschäfte von Langzeit-Kanzlerin Angela Merkel. Die Erwartungshaltungen sind hoch, an den neuen Kanzler wie an die politische Koalitionskonstellation, die es in dieser Form auf Bundesebene so noch nicht gegeben hat. In jedem Anfang und allem Neuen steckt ein besonderer Reiz.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Es sind allerdings die Umstände der Gegenwart, die Neues erzwingen. Deshalb sollte man auch alle blumige Rhetorik, sei es von den Akteuren selbst oder von euphorischen Beobachtern, mit genotener Vorsicht genießen. Auch das "Beste aus drei Welten", um ein in Österreich von Türkis-Grün bekanntes Wort zu adaptieren, wird nicht verhindern, dass die Dynamik politischer Konflikte in der Koalition ihren Tribut fordert. Dazu sind die Herausforderungen, vor denen die Regierung steht – in erster Linie der ökosoziale Umbau von Europas Industrienation Nummer eins unter besonderer Berücksichtigung von Digitalisierung, Energiesicherheit und sozialem Ausgleich bei gleichzeitigem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit – schlicht zu himmelhoch.

Die Zukunft wird zeigen, ob der Koalitionsvertrag den Elchtest der politischen Wirklichkeit halbwegs intakt übersteht.

Zu erinnern ist: Noch vor vier Jahren ist eine vergleichbare Kombination, Jamaica genannt und bestehend aus Union, FDP und Grünen, an der Verweigerung der Libealen gescheitert. Diese fürchteten, damals noch als zweite Kraft in der Koalition, zwischen einer unter Merkel nach links gerückten Union und den Grünen aufgerieben zu werden. Nunmehr wagt die FDP unter einer mittig ausgerichteten SPD und selbstbewussten Grünen als bloß dritte Kraft das Abenteuer, immerhin versüßt mit dem mächtigen und prestigereichen Finanzministerium.

Europa-, außen- und sicherheitspolitisch setzt die neue Koalition weitgehend auf Kontinuität zur Ära Merkel. Deren oft übersehene politische Kunst war es, bei den längst so zahlreichen wie grundsätzlichen Konflikten der mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedern, allen voran Polen, dem gegenüber Deutschland eine besondere historische Verantwortung trägt, mit den Brüsseler Institutionen zu vermitteln. Das, jedoch ohne dabei dem Raubbau einiger nationaler Regierungen an den europäischen Verträgen tatenlos zuzusehen, fand meistens abseits des großen Scheinwerferlichts statt, war aber um nichts weniger wichtig als das deutsch-französische Verhältnis.

Vermittler, gekoppelt mit - allerdings nicht zu offensivem - Führungsstärke: Kann das Olaf Scholz, will er das und, dies vielleicht am wichtigsten, ist es auch ein Ziel der neuen Koalition als Ganzes? Für Österreich wie für die gesamte EU ist die Antwort auf diese Frage von überragender Bedeutung.