"Fürchtet Euch nicht", so sprach vor 2.000 Jahren laut dem Evangelisten Lukas ein Engel zu den Hirten in Bethlehem, um sogleich die Frohe Botschaft eines großen Glücks zu verkünden: die Geburt des Jesus von Nazareth, den die Christenheit als Erlöser feiert.

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Die Aufforderung, sich nicht der Furcht hinzugeben, stiftet nicht nur im Hinblick auf die letzten Dinge am Ende aller Tage Zuversicht; darin findet sich auch eine weltliche Botschaft, und zwar für jede und jeden wie für das größere Wir, und das umso mehr in der Ausnahmesituation einer bald zwei Jahre dauernden Pandemie.

Angst ist für viele zum ständigen Begleiter geworden: die ganz persönliche Angst vor einer Infizierung mit dem Coronavirus, vor der Ansteckung von Familie und Freunden, vor einer schweren Erkrankung; hinzu kommt die kollektive Furcht vor den Folgen für die Gesundheitsversorgung, für die Wirtschaft, für die Bildungschancen und Lebensfreude.

In solchen Momenten sehnen sich die Menschen nach Anzeichen der Zuversicht - und die Politik, die populär sein will, weil sie oft populär sein muss, ist hierbei gerne zu Diensten. Ebenso leichtfertig wird mit Furcht hantiert, wenn der - womöglich begründete - Verdacht besteht, die Appelle und die eigene Autorität könnten für sich genommen nicht ausreichen, um ein als notwendig erachtetes Verhalten zu bewirken.

Beides, das rhetorisch gewandete Zuckerbrot wie die Peitsche, ist ein Zeichen von Schwäche und Hilflosigkeit. Aber wer in dieser Pandemie nie rat- oder hilflos war, der werfe, um bei den biblischen Sprachbildern zu bleiben, den ersten Stein. Dazu gehören im Übrigen auch die zahlreichen falschen Propheten, die ein falsch verstandenes "Fürchtet Euch nicht!" auf wütenden Demonstrationen rufen und mitten in einer Pandemie Sorglosigkeit predigen, wo eigentlich Vorsicht geboten ist.

Hier und andernorts prallen Glaubenswelten aufeinander, und das mitten in weitgehend säkularisierten Gesellschaften, die religiöse Rituale immer öfter allein der Traditionen wegen begehen. Politik allerdings sollte alle Überzeugungen oder Hoffnungen, die auf einem Glauben-Wollen (oder Glauben-Können) beruhen, den Religionen überlassen. Politik, das sind Wertentscheidungen auf der Basis gesicherten Wissens, das wiederum auf hartnäckigem Wissen-Wollen fußen muss.

Dieses beständige Wissen-Wollen ist das sicherste Fundament für ein "Fürchtet Euch nicht!", das wir als Gesellschaft in unserer Zeit bekommen können. Die Botschaft des Engels hat in den vergangenen 2.000 Jahren an Kraft verloren, wenn auch nicht für diejenigen, die ungebrochen an sie glauben.