Die letzten Tage des Jahres 2021 fühlen sich ein wenig an wie ein Déjà-vu von 2020. Damals ging Österreich kurz nach Weihnachten in einen harten Lockdown - heute drohen wegen der explosionsartigen Ausbreitung von Omikron nach Neujahr wieder härtere Kontakteinschränkungen.

Immerhin: Am 27. Dezember 2020 hatte in Österreich die Impfkampagne begonnen.

Am Ende des Jahres gilt es Bilanz zu ziehen und die Lektionen, die das Jahr gelehrt hat, zu verinnerlichen: Indien wiederholte beim ersten Auftauchen der Delta-Variante die Fehler Chinas zu Beginn der Pandemie. Es hat zu lange gedauert, bis die indischen Behörden die Ursachen für das plötzliche Explodieren der Infektionszahlen in Amravati, 550 Kilometer nordöstlich von Bombay, gefunden (Ursache war das Auftauchen der Delta-Variante) und die Welt alarmiert haben. Bei Omikron in Südafrika war das ganz anders: Die Behörden informierten umgehend die internationale Staatengemeinschaft und warnten vor der potenziellen Gefahr, die von der neuen Virusvariante ausgeht - doch statt Dank erntete Südafrika Einreiseverbote.

Virologen und NGOs warnen seit vielen Monaten davor, dass das Virus munter weitermutieren wird, solange es die Möglichkeit dazu bekommt: Jede einzelne Infektion bietet dem Virus neue Mutationsoptionen. Aber leider wird das Mantra des äthiopischen WHO-Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus - "Niemand ist sicher, bevor nicht alle sicher sind" - nicht beachtet, eine energisch vorangetriebene globale Impfkampagne fehlt bis heute.

Der Mangel an internationaler Zusammenarbeit - nach zwei Jahren Pandemie - lässt viele Beobachter manchmal daran zweifeln, dass es intelligentes Leben auf diesem Planeten gibt.

Die zweite wichtige Lehre: Misslingt dem Westen eine Renaissance der Politik, ist die Demokratie in Gefahr. Das Jahr begann mit dem Sturm auf das Kapitol durch einen von US-Präsident Donald Trump aufgepeitschten Mob. Das war nichts weniger als ein Putschversuch, und die USA sind bis heute ein zutiefst gespaltenes Land.

Diesseits des Atlantiks sind die Zeiten für inkompetente Populisten härter geworden: Boris Johnson bekommt die Rechnung für den Brexit und sein glückloses Agieren endlich präsentiert, Ungarns Premier Viktor Orbán und sein polnischer Kollege Mateusz Morawiecki sind in Europa zunehmend isoliert, Berlin und Paris sind bereit, härtere Bandagen im Streit mit den osteuropäischen Antieuropäern anzulegen. Österreich erlebte mit Kanzler Sebastian Kurz Jahre einer substanzlosen Showpolitik - für ihn galt: "Nicht das Erreichte zählt, das Erzählte reicht."

Darf man von einem Zurück zur Politik im Jahr 2022 träumen? Zu hoffen wäre es.