Werden wir in wenigen Tagen einen Novak Djokovic erleben, wie er neben Serbiens Präsident Aleksandar Vucic auf den Balkon des Belgrader Novi Dvor tritt und sich von tausenden Menschen bejubeln lässt? Angesichts der Tragödie, die sich aus serbischer Sicht im australischen Melbourne in diesen Tagen abspielt, scheint dieses Szenario gar nicht so abwegig. Schließlich hat auch Österreich im Fall von Karl Schranz, dessen Rauswurf bei Olympia 1972 sich im Februar zum 50. Mal jährt, seinerzeit eine ähnliche Erfahrung gemacht und die Welt mit nationalem Trotz gestraft.

Natürlich ist die Situation von damals, als der mehrfache Ski-Weltmeister wegen eines kleinen Werbepickerls auf seiner Jacke vom IOC als "Nicht-Amateur" von den Winterspielen in Sapporo ausgeschlossen wurde, nicht mit dem Fall Djokovic zu vergleichen. Weder herrschte in den 1970er Jahren eine weltweite Pandemie, noch war der 20-fache Grand-Slam-Gewinner auf das, was da auf ihn zukam, nicht vorbereitet. Denn während Schranz nicht wusste, wie ihm geschah, ließ es Djokovic trotz seines Status als mutmaßlich Ungeimpfter darauf ankommen, besorgte sich ein medizinisches Gutachten - und fiel bei der Grenzkontrolle durch.

Wer schon einmal - auch vor der Pandemie - in Down Under mit dem Flugzeug eingereist ist, weiß, dass mit den Offiziellen dort nicht zu spaßen ist. Schließlich heißt es nicht umsonst auf der Website der Australian Border Force unmissverständlich: "Unsere Mission ist es, Australiens Grenze zu schützen und legitime Reisen und Handel zu ermöglichen." Seit das Coronavirus global grassiert, galt und gilt dieser Leitsatz mehr denn je und hat sogar dazu geführt, dass selbst australischen Staatsbürgern mit medizinischem Attest die Einreise verweigert wurde. Ob das so nun gerecht war oder nicht, steht auf einem anderen Blatt - tut aber auch nichts zur Sache.

Hier geht es um die Grundsatzfrage, ob "die da oben" es sich richten dürfen, während die Mehrheit mangels Anwälten nicht einmal die Chance auf eine Anhörung vor Gericht erhält. So gesehen ist die Kritik von der australischen Regierung abwärts an Djokovics Extrawürsten gewissermaßen auch eine uralte, weil gesellschaftlich-soziale, die durch die Belastungen der Pandemie und den ewigen Glaubensstreit ums Impfen noch zusätzlich befeuert wird. Das einzig Irritierende ist, dass Djokovic von dieser Geschichte am Ende "profitieren" könnte - vor allem, sollte er nach Hause geschickt werden. Dann wäre ihm nicht nur die Unterstützung der serbischen Bevölkerung sicher, sondern auch die von Millionen Impfgegnern auf der ganzen Welt. Ein unheimliches Szenario, das durchaus negativen Einfluss auf die globalen Impfkampagnen haben könnte. Djokovic sollte sich also gut überlegen, was er tut.