Man sollte sich nicht von den gedanklichen und sprachlichen Parallelwelten jener Handvoll Zehntausenden irritieren lassen, die am Samstag wieder in Wien und anderen Städten gegen die Corona-Maßnahmen protestiert und demonstriert haben. Diese bleiben eine lautstarke, aber eben doch verhältnismäßig kleine Minderheit (die trotzdem eine politische wie epidemiologische Herausforderung darstellen).

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Bezeichnender für den aktuellen Stand im Umgang mit der Pandemie ist, dass es den Entscheidern und Beratern nach wie vor zu oft nicht gelingt, in Sprache und Form eine einheitliche Strategie bei der Bewältigung von Sars-CoV-2 zu vermitteln.

So bezeichnet der Begriff "Durchseuchung" eben nicht nur die deutsche Entsprechung für Infektionsprävalenz, die den Verbreitungsgrad einer Infektionskrankheit benennt. Der Begriff ist längst hochgradig politisch aufgeladen, weil damit vielfach der Verdacht verbunden ist, man nehme gesundheitliche Schäden in Kauf, um wirtschaftliche Kosten zu minimieren. Ob das so stimmt, ist fast schon egal, die Assoziationen sind in den Köpfen. Hinzu kommt der im Deutschen besonders negative Klang des Wortes "Seuche".

Das erklärt die Wogen, als mit Katharina Reich die Co-Leiterin der gesamtstaatlichen Covid-Krisenkoordination Ende vergangener Woche sagte, die "Durchseuchung wird passieren". Für Informierte war damit lediglich die neue Situation im Angesicht der Omikron-Variante pointiert zusammengefasst, für andere klang es nach einem Strategiewechsel in eine Richtung, die bisher abgelehnt wurde. Und schlimmer noch: nach Resignation und Kontrollverlust.

Eine eher den Absichten der Verantwortlichen (was die Tatsachen angeht, so ist es noch zu früh) entsprechende Beschreibung vermittelt der Begriff der "kontrollierten Immunisierung". Die Kommunikation jeder Regierung ist stets und notwendigerweise auf ein Ziel hin ausgerichtet, vorausgesetzt natürlich, es gibt ein solches.

Entschlossenheit in Form und Inhalt signalisieren will auch Gecko-Co-Leiter Generalmajor Rudolf Striedinger. Dieser tritt gerne in Tarnuniform auf und spricht vom Virus als strategischem Feind, bei dem "nicht Gewaltfreiheit angesagt" sei. Das ist nicht falsch, immerhin unterwerfen wir uns Freiheitsbeschränkungen, die zuvor für Kriegszeiten reserviert schienen. Bleibt nur die Frage, ob in einer so nachhaltig entmilitarisierten Gesellschaft wie der österreichischen – der verbreitete Waffenbesitz als große, rätselhafte Ausnahme – Metaphern vom Kriege noch ihre beabsichtigte Wirkung entfalten.

Auch in anderen Staaten oszillieren die Covid-Reaktionen und ihre sprachliche Verpackung. In Frankreich analysierten die Kommentatoren über Tage einen vulgären, aggressiven Sager von Präsident Emmanuel Macron in Richtung der Ungeimpften und die womöglich dahinterstehende Strategie. Frankreichs Präsident befindet sich im Vorwahlkampf für eine etwaige neue Amtszeit. Corona wird da wieder zur Chefsache. In Österreich dagegen sind baldige Wahlen nicht in Sicht, auch deshalb das Streben, die hochgradig politisierte Corona-Politik via Gecko wieder zu versachlichen, jedenfalls zu entparteipolitisieren. Nur sprachlich klarer ist sie, jedenfalls bis jetzt, noch nicht geworden.