Wladimir Putins militärische Muskelspiele an der Westgrenze der Russischen Föderation und in Belarus führen den Europäern drastisch ihre Schwäche vor Augen: Ein groß angelegter Angriff der russischen Armee wäre die größte Militäroperation in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs, der Blutzoll könnte jenen der Balkankriege von 1991 bis 1995 (und im Kosovo im Jahr 1999) rasch übersteigen. Eine furchtbare humanitäre Katastrophe, zigtausende Tote, gigantische Flüchtlingsbewegungen. Der Öl- und Gaspreis würde in die Stratosphäre emporschnellen, harte Sanktionen würden wohl das Ende der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und der EU bedeuten.

Europa ist derzeit nur eingeschränkt handlungsfähig, die neue Regierung in Berlin ist seit erst zwei Monaten im Amt und Emmanuel Macron kann Angela Merkel nicht ersetzen.

Und was ist mit den USA?

Joe Biden bemüht sich, Wladimir Putin Paroli zu bieten, aber ein Krieg in Osteuropa wäre für Washington eine unwillkommene Ablenkung vom längst geplanten Pivot to Asia - dem Schwenk nach Fernost. Und für die Republikaner ist Putins Russland längst nicht mehr das Reich des Bösen. Josh Hawley, republikanischer Senator aus Missouri, hat sich zuletzt in einem Brief an US-Außenminister Antony Blinken gewandt und ihn aufgefordert, klarzustellen, dass die Ukraine nicht Teil der Nato werden soll. Das Trump-Lager träumt von einer Kissinger-2.0-Strategie. Worum geht es? Kissinger ist 1972 der Coup gelungen: Sein damaliger Chef, US-Präsident Richard Nixon, flog nach Peking, traf dort Mao Zedong und legte den Grundstein für die Beziehungen der USA zur Volksrepublik China. Die Logik damals: Nur wenn es gelingt, einen Keil zwischen die beiden Roten Riesen zu treiben, kann der Westen den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion gewinnen. Diesmal soll nach der Logik der Kissinger-2.0-Strategie, der schwächere Part - also Moskau - umgarnt und aus der Umklammerung mit Peking gelöst werden. Demnach ist Russland heute das Problem der Europäer, Amerikas Problem im 21. Jahrhundert ist China.

Der Mann im Kreml, Wladimir Putin, wird sich nicht in die Karten blicken lassen.

Ist er ein zunehmend erratischer Autokrat, der sich immer mehr mit ultranationalistischen Beratern umgibt und draufgängerisch genug ist, Russlands Zukunft mit einer Invasion in der Ukraine zu riskieren?

Oder ist er der kühl kalkulierende Stratege, der weiß, dass es ihm auch kampflos - oder mit nur begrenzten Militäroperationen - gelingen kann, mit einem Handstreich Belarus zu einem Vasallenstaat zu degradieren und die Ukraine zu einem Neutralitätsvertrag und zu Territorialverzicht zu zwingen? Man wird sehen.