Zum sechsten Mal treffen sich die Regierungschefs der Europäischen und der Afrikanischen Union. Die Routine täuscht: Ungeachtet der Vielzahl an geschlossenen Abkommen sind nachhaltige Erfolge überschaubar.

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Am Beispiel der gemeinsamen Erfahrung mit der Pandemie: Es genügt, wenn man weiß, dass in den EU-Staaten mehr Impfstoff verfallen ist, als von diesen an Afrika abgegeben wurde. Im Einzelfall mag es dafür eine zumindest rudimentär nachvollziehbare Erklärung geben; es ist deren Summe, die einen verzweifeln lässt.

Groß ist auch die Kluft, die das reiche Potenzial von der oft tristen Realität in vielen Regionen Afrikas trennt. Die Verantwortung dafür lässt sich nicht einfach an den reichen Norden delegieren. Dass demokratische Standards sinken, Konflikte zu Bürgerkriegen eskalieren - jüngst in Äthiopien oder chronisch in der Sahel-Zone sowie im Kongo - und Juntas die Macht an sich reißen - wie 2021 in Burkina Faso, Mali, Sudan und Guinea -, wurzelt im Versagen der politischen Eliten.

Doch ein solch düsteres Bild bleibt unvollständig, solange man sich nicht auch die anderen Wirklichkeiten dieses Kontinents mit 55 Staaten und einer rasant wachsenden Bevölkerung von derzeit 1,4 Milliarden Menschen bewusst macht. Hier zeigen sich die Möglichkeiten etwa der Digitalisierung, Menschen mit Bildung, Medizin oder einem Bankkonto zu versorgen, selbst wenn die Infrastruktur noch hinterherhinkt. Vergleichbares gilt für die alternative Energiegewinnung - durchaus zum gemeinsamen Nutzen mit Europa.

Die Staaten Afrikas versuchen seit 1963, erst mit der der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) und seit 2002 mit der heutigen Afrikanischen Union (AU), einen Integrationsprozess nach europäischem Vorbild. Nach wie vor sind die wirtschaftlichen wie politischen Anreize für die allermeisten Staaten, nationale Souveränität zugunsten gemeinschaftlicher Interessen einzuschränken, viel zu gering; viel zu selten müssen sich Regierungen vor ihren Bürgern für ihr Tun und Unterlassen verantworten.

Afrikas Union bleibt vorerst ein wackeliges Skelett, dem die Muskeln und Gliedmaßen fehlen, um als Gemeinschaft handeln zu können. Der EU dürfte das bekannt vorkommen. Eigentlich sollten die Gipfelteilnehmer in Brüssel einander viel zu erzählen haben. Mit Realismus und einem Fokus auf die Chancen sollten sich dann auch die unzweifelhaft bestehenden Probleme schrittweise bewältigen lassen. Offen ist, ob beide Seiten die nötige Geduld und Kraft aufbringen, wenn sich Erfolge in Jahrzehnten, nicht Jahren bemessen.