"Der Krieg ist ein Weg der Täuschung", schrieb der chinesische General und Militärstratege Sunzi im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Sein "Die Kunst des Krieges" gilt als das früheste uns überlieferte Werk zu diesem Thema

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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An der Gültigkeit seiner Thesen hat sich bis heute wenig geändert, allenfalls verstellt sentimentales oder ideologisches Wunschdenken den Blick auf diese Erkenntnis. Übrigens erinnert der nunmehrige Start von Donald Trumps groß angekündigter neuer "Truth Social"-App, mit der sich der Ex-Präsident der USA und Meister der "alternativen Fakten" einen kritiklosen Echoraum schaffen will, an die zeitlose Gültigkeit eines anderen berühmten Diktums, wonach Krieg auch nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei.

Wer die nun seit Wochen fast täglich wechselnde Nachrichtenlage zur Krise um einen drohenden Einmarsch Russlands in die Ukraine verfolgt, kommt schwer umhin, in der Konstruktion der verbreiteten Informationen als nahezu perfektes Kunstwerk der Täuschung zu verstehen. Nahezu perfekt nur deshalb, weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass nicht doch noch irgendwer in dieser dynamischen Abfolge unvollständiger Botschaften den vollen Überblick behält und Wahrheit von Täuschung verlässlich zu unterscheiden weiß. Sehr wahrscheinlich ist das allerdings nicht.

Die Suche nach den Fakten wird nicht einfacher, wenn man weiß, dass jede Fehlbeurteilung der Vorgänge und Absichten zu potenziell fatalen Konsequenzen führen kann. Das gilt zuvorderst für die Menschen in der Ukraine wie in Russland, aber auch alle anderen via EU oder Nato direkt und indirekt beteiligten Akteure.

Selbst wenn es sich die meisten Menschen zwischen Boden- und Neusiedler See kaum vorstellen können: Eine militärische Eskalation der Lage hätte handfeste Auswirkungen, zuallererst wirtschaftliche, aber längst nicht nur. Österreichs Unternehmen drehen im ganzen Osten Europas, insbesondere in Russland, ein verhältnismäßig großes Rad. Die mit einem Krieg einhergehenden Kosten aufgrund umfassender Sanktionen würden in Milliarden-Euro-Beträgen beziffert werden.

Ein handfester militärischer Konflikt um die Ukraine würde unweigerlich Europas geopolitisches Verhältnis zu Russland und dessen Verbündete als Folge der dann in Kraft tretenden massiven Sanktionen auf den Kopf stellen. Kein Bereich der Zusammenarbeit, der wechselseitigen Berührungen könnte sich dem entziehen. Rund um Russlands Einflussbereich würde eine neue, diesmal unsichtbare Mauer hochgezogen werden und durch Vergeltungsmaßnahmen weiter verstärkt. Auch das Ziel strategischer Souveränität für die EU im außenpolitischen Bereich bliebe für weitere Jahrzehnte außer Reichweite.

Aus all dem wird klar: Der größte und langfristige Verlierer, neben den Menschen in der Ukraine und Russland, wäre die EU. Die Vermeidung von Krieg und Tod durch Gewalt ist ein Ziel an sich, aber für die Staaten der EU ist damit eine grundsätzliche Weichenstellung verbunden. Spät aber doch, hat nun auch Österreich mit den nationalen Vorbereitungen auf eine weitere Eskalation begonnen. Von den Europäern scheint allein Frankreichs wahlkämpfender Staatspräsident Emmanuel Macron die Kraft und die Stellung für eine diplomatische Vermittlerrolle zu besitzen. Dass er in einem Telefonat mit Russlands Präsident Putin für Montag ein Treffen der Streitparteien unter Einbezug der OSZE zur Erreichung eines Waffenstillstandsabkommen erreicht hat, ist immerhin ein kleiner Erfolg.

Trotzdem: 450 Millionen Menschen, der weltweit größte und wohlhabendste Wirtschaftsraum der Welt, und die EU spielt bei der Krisenpolitik, um einen Krieg unmittelbar an ihren eigenen Grenzen praktisch keine eigenständige Rolle, sondern ist hilfloser Passagier im Verhältnis zu schwächeren oder weit entfernten Akteuren.

Nichts wäre im Moment dringender als eine verlässliche Überprüfung der Tatsachen auf dem Boden: Wer schießt im Donbass auf wen und wie oft? Wie sind die Fakten des russischen Truppenaufbaus rund um die Ukraine? Doch über verlässliche eigene Informationen zu den Vorgängen in ihrer Nachbarschaft verfügt die EU nicht. Umso dringender geboten wäre eine starke Rolle der zur Verfügung stehenden Vermittlungsstrukturen: Mit der OSZE, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die in Wien ihren Sitz hat, gibt es einen geeigneten Kandidaten. Diese Strukturen wurden bislang nicht ausreichend eingesetzt.