Der Krieg ist zurück in Europa (ja, er war in den vergangenen 30 Jahren nie ganz weg). Und Wladimir Putin ist dafür verantwortlich. Er allein hat die Planungen zur Invasion der Ukraine vorangetrieben, er allein hat den Befehl zum Angriff gegeben, nicht irgendwelche anonymen Strukturen und Dynamiken, wo es hinterher schwerfällt, individuelle Verantwortung zuzuschreiben.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

- © Luiza Puiu

Das Entsetzen in den europäischen Hauptstädten ist echt. Die wenigsten konnten es sich vorstellen, dass jemand so irrational sein könnte, seine Ziele mit Panzern, Raketen und Soldaten auf dem Boden mitten in Europa durchzusetzen. Diese Möglichkeit haben die allermeisten europäischen Politiker - und längst nicht nur sie - aus ihrem Bewusstseinshorizont gestrichen; Cyber-Kriege, Attentate, verdeckte Operationen, Fake-News-Kampagnen, das alles ja, aber doch keine konventionelle Offensive wie aus dem militärischen Handbuch des 19. oder 20. Jahrhunderts.

Putin hat dieser Weltsicht nun ein so brutales Ende bereitet. Und damit einhergeht die aufrüttelnde Erkenntnis, dass nichts und niemand in der Lage war, den russischen Autokraten von der Umsetzung seines Vorhabens abzuhalten. Kein französischer Staatspräsident, kein deutscher Bundeskanzler, keine Appelle und Drohungen von EU, Nato oder UNO, und auch nicht der angeblich mächtigste Mann der Welt, der Präsident der Vereinigten Staaten.

Fast fünfzig Jahre lang hat das Konzept der militärischen Abschreckung einen kalten Frieden in Europa garantiert; dessen Grundlage war die Doktrin der gegenseitigen Vernichtung durch den Einsatz von Nuklearwaffen im Falle eines Angriffs. Und beide Seiten waren davon überzeugt, dass die jeweils andere zu diesem letzten Schritt im Falle des Falles bereit sein könnte. Dieser Konjunktiv ist entscheidend. Es war dies eine zutiefst perverse Logik, aber sie funktionierte, zumindest für Europa. Und die Aussicht auf ein nukleares Armageddon führte zu vielfachen Bemühungen der Stabilisierung, Kontrolle und Kommunikation.

Die Rückkehr des Kriegs nach Europa hat allen überdeutlich vor Augen geführt, dass weder die USA und schon gar nicht die EU über die Mittel verfügen, um einen entschlossenen Aggressor von seinem Tun abzuhalten. All die Versprechen harter, ja härtester wirtschaftlicher Sanktionen ließen Putin, wie wir heute wissen, nicht einmal mit der Wimper zucken. Und die Möglichkeit eines militärischen Gegenschlags für den Fall eines Angriffs auf die Ukraine wurde explizit ausgeschlossen.

Was aber, wenn allein die Drohung mit einer militärischen Vergeltung in der Lage ist, einen Aggressor vom Schlage Putins abzuhalten? Die EU ist derzeit dazu nicht in der Lage, militärisch wie politisch und schon gar nicht von ihrem eigenen Selbstverständnis her. Aber will sie es irgendwann einmal sein, und soll sie es auch? Und wenn die Antworten darauf "nein" lauten: Was folgt dann aus diesem Nein?

Europa ist jetzt im Schock. Putin wird einen hohen Preis für seinen Angriff zu bezahlen haben. Aber irgendwann muss die EU ihre Antworten auf diese Fragen finden. Und keine Antwort ist auch eine Antwort. Eine, die nicht nur in Moskau sehr genau verfolgt werden wird, sondern weit darüber hinaus.