Die Fassungslosigkeit über Russlands Invasion der Ukraine, die Wut auf Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich und alle seine Mitläufer und Mittäter sind in Europa auch deshalb so uferlos, weil beides Europas eigenen Anspruch auf grausame Art als entscheidende Schwäche entlarvt.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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Das Projekt der europäischen Integration fußt auf der Überzeugung, dass sich Krieg und Gewalt als Mittel der Politik überlebt haben, und die Existenz der EU das beste Beispiel dafür ist. Eigene militärische Machtmittel dienen dabei nur noch pro forma der Verteidigung, sondern vorrangig dem Zweck humanitärer Einsätze in anderen Regionen, sei es zum Schutz der Schwachen oder zur Wiederherstellung von Recht und Gerechtigkeit. Nie war der Neue Mensch, der ein Homo Europaeus sein sollte, so zum Greifen nah.

Putin hat diese wunderschöne und keineswegs neue Illusion mit seinem Einmarsch in die Ukraine buchstäblich vom Himmel geschossen. Seitdem ist von dem Bild, das sich die Europäer von sich selbst gemacht haben, nur noch ein Scherbenhaufen übrig; Selbstanklagen der eigenen Weltvergessenheit machen die Runde. Das Beharren auf einer "Friedensdividende" nach 1989, der Demilitarisierung alles Militärischen, erscheint, jedenfalls mit heutigen Augen betrachtet, wie ein schrecklicher Irrtum, eine grausame Ironie der Weltgeschichte auf Kosten der vermeintlichen Sieger.

Für den Moment hat es den Anschein, als ob aus dieser Fassungslosigkeit und Wut über das Töten in der Ukraine die Kraft für eine grundsätzliche Neuaufstellung entspringen könnte. Bisher Unvorstellbares wird dieser Tage in konkrete Politik gegossen: Das chronisch Moskau-affine Österreich gliedert sich fast anstandslos in eine beispiellose Sanktionskette gegen Russland ein, die auch eine energiepolitische und wirtschaftliche Neuausrichtung für das Land bedeutet; Deutschland beschließt ein 100-Milliarden-Euro-Paket für die Bundeswehr und liefert doch nicht nur Helme, sondern auch Waffen. Gegen Russland. Man kann noch gar nicht erahnen, was das für eine Kehrtwende für die Berliner Republik bedeutet.

Doch alle diese Maßnahmen, die jetzt unter dem Schock der russischen Invasion beschlossen werden, müssen, wenn sie nachhaltig wirken sollen, auch dann von Mehrheiten in den europäischen Staaten getragen werden, wenn die Waffen schon lange wieder schweigen, aber Moskau dennoch weiter seinem Kurs treu bleibt. Nur wird das dann nicht mehr täglich von allen Titelseiten verkündet werden. Erst dann, wenn wieder so etwas wie eine neue Normalität eingetreten ist, wird sich zeigen, wie stark die neue Entschlossenheit des neuen Homo Europaeus tatsächlich ist, für den Kampf gegen Kriegstreiber und Völkerrechtsbrecher auch schmerzhafte eigene Nachteile in Kauf zu nehmen. Und es wir spannend sein zu beobachten, welche Politiker und Parteien als allererste das alte Lied von der der Sehnsucht nach der guten alten Zeit anstimmen.