Wer nach einer sinnstiftenden Zusammenfassung des Kriegsgeschehens in der Ukraine sucht, der wurde bei einem so hellsichtigen wie ernüchternden Interview fündig, das Gerhard Lechner in der Wochenendausgabe der "Wiener Zeitung" mit dem Berliner Osteuropa-Historiker und Gewaltforscher Jörg Baberowski geführt hat.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

- © Luiza Puiu

"Je monströser die Gewalt, die Putin ausübt, desto größer ist seine Chance, doch noch ohne Macht- und Prestigeverlust aus der Katastrophe herauszukommen", so Baberowski. Und weiter: "Je grauenhafter die Bilder und je furchtbarer die Zerstörung, desto mehr wird die Bereitschaft wachsen, ihm ein Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann. Hinter der Brutalität des Krieges verbirgt sich eine zynische Logik."

Diese Analyse passt ziemlich akkurat zum aktuellen Vorgehen des russischen Staatspräsidenten. Es ist ein grausames Wechselspiel von der Bombardierung ukrainischer Städte und der rhetorischen Betonung der eigenen Verhandlungsbereitschaft.

Allein in den letzten Stunden sprachen der israelische Premier Bennett, der türkische Präsident Erdogan und einmal mehr Frankreichs Staatsoberhaupt Macron mit dem russischen Autokraten. Putin weiß, wie sehr der Westen eine Waffenruhe als rein humanitäre Maßnahme herbeisehnt; für ihn dagegen ist eine Feuerpause lediglich ein weiteres Mittel zur Erreichung seiner Ziele, jedoch kein Ziel an sich. Es ist tatsächlich so: "Hinter der Brutalität des Krieges verbirgt sich eine zynische Logik."

Anders als Putin stehen der EU und auch den USA nur die Eskalation der ökonomischen Kriegsführung als Option zur Verfügung, nicht jedoch der militärischen. Dass sich die Nato der ukrainischen Forderung nach einer Durchsetzung einer Flugverbotszone für russische Kampfjets über den umkämpften Städten verweigert, hat grundsätzliche Gründe. Das nordatlantische Bündnis ist rein defensiver Natur, geschmiedet für den Fall eines Angriffs auf eines seiner Mitglieder – und die Ukraine ist kein Mitglied. Noch schwerer wiegt, dass eine direkte Konfrontation von Nato-Soldaten und russischen Truppen die realistische Gefahr einer nuklearen Eskalation in sich trägt. Das ist Putin so klar wie der Nato.

Auch an der inneren russischen Front bewahrheiten sich die düsteren Warnungen der Pessimisten. Wie befürchtet nutzt Putin den Angriffskrieg, um auch noch die letzten kritischen und unabhängigen Stimmen in seinem Land verstummen zu lassen. Erneut wurden am Sonntag Demonstranten verhaftet, schon am Samstag musste ein Großteil der westlichen Korrespondenten Russland verlassen, weil ein neues Gesetz ihnen eine unabhängige Berichterstattung bei Haftandrohung untersagte. Die letzten einheimischen freien Medien hatte Putin in diesem Moment schon abgedreht.

Der Westen hofft, die Zeit auf seiner Seite zu haben. Wenn die harten Wirtschaftssanktionen erst einmal ihre volle Wirkung entfaltet haben; wenn sich erst Putins einstige Verbündete beginnen, gegen ihn zu stellen; wenn die 140 Millionen russischen Bürger erkennen, um Jahrzehnte zurückgeworfen zu werden. Dann könnten viele Jahre vergangen sein.

Die Ukraine und ihre Menschen haben nicht so viel Zeit. Weil am Ende des Tages sind wir ohnehin alle gestorben. Der Krieg muss heute oder morgen, jedenfalls bald aufhören. Putin weiß um diese Sehnsucht. Er wird versuchen, sie zu seinen Gunsten einzusetzen.