Die Schlagzeilen in Österreich gehörten am Mittwoch der aufgeschobenen Impfpflicht: Die eigens dafür eingesetzte Kommission im Kanzleramt hat die erwartete Empfehlung abgegeben, und die in dieser Frage längst desperate Bundesregierung nahm den Ball dankbar auf.

- © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

Die Impfpflicht wird vorerst nicht "scharf gestellt", aber bleibt eine Option im Talon der Maßnahmen gegen die Pandemie. In drei Monaten wird neu evaluiert und empfohlen. Die große Herausforderung besteht darin, sich für den kommenden Herbst und Winter vorzubereiten, wenn die Immunität abnimmt und eine neue Welle droht, um dann den absehbar notwendigen nächsten Stich für so viele wie nur möglich sicherzustellen.

Das hätten ÖVP und Grüne wohl auch einfacher haben können. Die ganzen Umstände von der Einführung bis zur Sistierung der Impfpflicht waren kopflos und chaotisch; die Länder sind hier mitgemeint. Mit einem solchen Vorgehen beraubt sich die Politik ihrer Glaubwürdigkeit. Zur ganzen Wahrheit gehört jedoch, dass offen bleibt, ob die Impfpflicht nicht noch gebraucht wird.

Doch die Nabelschau Österreichs, wo sich nur vorgeblich fast alles ändert, trotzdem (oder deshalb?) sehr viel beim Alten bleibt, wirkt seltsam angesichts des unfassbaren Bruchs, den die Nordhalbkugel der Erde gerade durchleidet.

Man muss es ständig wiederholen (was nötig ist, weil das allgegenwärtige Marketing-Versprechen eines "Alles neu!" uns blind gemacht hat für tatsächlich Neues): Russlands Krieg gegen die Ukraine hat eine Wucht der Veränderung ausgelöst, die der europäischen Zukunft neue Gestalt verleihen wird.

Gemeinhin wird unter solchen Floskeln in Sonntagsreden das Bild einer "schönen neuen Welt" gezeichnet, die sich jetzt herauf dräuende Wirklichkeit wird jedoch eine deutlich härtere sein; das Projekt einer weitgehenden Abkoppelung der russischen Volkswirtschaft im Gegenzug für die Invasion schafft einen neuen Rahmen für die EU. Der Wille zur (Re-)Militarisierung geht damit ebenso einher wie die Inkaufnahme dauerhaft hoher Inflationsraten - und zwar bis die Dekarbonisierung aller Produktions-, Konsum- und Mobilitätsprozesse. Das sind Dimensionen, die sich heute nicht fassen lassen.

Will Wladimir Putin diesen Verlauf der Geschichte stoppen, muss er den Krieg beenden. Der Westen ist bereit, enorme Flurschäden in Kauf zu nehmen. Diese Entschlossenheit verdient Anerkennung, weil sie den eigenen Ansprüchen endlich Taten folgen lässt. Und sie könnte, schon demnächst oder irgendwann, zur Ursache maßloser Selbstüberschätzung werden. Hoffentlich nicht heute, hoffentlich nicht morgen.