Eines Tages werden alle Russinnen und Russen sich der Verantwortung für den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine, für die zerstörten Existenzen und zerschellten Träume, für getötete Zivilisten, eingeäscherte Städte und zahllose Kriegsverbrechen stellen müssen.

Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © WZ

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Sie alle trifft die kollektive Verantwortung für den Putinismus, den diese Gesellschaft hervorgebracht hat und sie alle müssen nun mit der Schande dieses Krieges leben.

Freilich: Ein Teil der Bevölkerung – die jungen, gebildeten, urbanen – haben immer wieder gegen Wladimir Putin demonstriert, die größten Anti-Regierungs-Demonstrationen seit dem Ende der Sowjetunion fanden im Jahr 2011 nach gefälschten Parlamentswahlen statt, 2019 gingen Moskoviter Oppositionelle wieder auf die Straße und verlangten, dass ihre Kandidatinnen und Kandidaten bei den Wahlen zur Stadtduma zugelassen werden.
Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar protestieren die Menschen in Russland ebenfalls: Zum Teil umgehen sie kreativ die Zensur und das Meinungsdiktat des Kreml, der jegliche Kritik am Krieg gegen die Ukraine unter Strafe stellt. Unlängst – das muss man sich vorstellen – wurde eine junge Frau verhaftet, die bei einem Anti-Kriegs-Protest ein leeres Schild hochhielt. Absurd, aber es gibt nach der Leseart der Putinisten ja gar keinen Krieg, sondern nur eine "Voyennaya spetsoperatsiya", eine militärische Spezialoperation.

Russinen und Russen mit Selbstachtung stehen vor einem schwierigen Dilemma: Sie müssen darauf hoffen, dass Wladimir Putin diesen Krieg verliert. Denn eine Niederlage Putins ist notwendig, wenn die russische Föderation eine Zukunft haben und nicht zu einem Nordkorea, das sich über 11 Zeitzonen erstreckt, werden soll. Nur wenn die Ukraine der Aggression von Putins Russland standhalten kann, hat Russland Zukunft. Aber zu hoffen, dass der Mann im Kreml den Krieg verliert, bedeutet im Klartext, dass man, wenn ukrainische Soldaten einen russischen T-90-Panzer mit einer Javelin, einer Nlaw oder einer Panzerfaust 3 zerstören und drei russische Soldaten tot sind, als Russischer Bürger das als Preis für eine Zukunfts-Chance auf ein Leben in Würde hinnehmen muss, auch wenn der Sohn des netten Nachbarn in Nischni Nowgorod gerade bei der Panzertruppe dient.

Schon einmal in der Geschichte Russlands hat eine Personengruppe eine Niederlage ihres Landes herbeigesehnt: Die Bolschewiken hofften im ersten Weltkrieg darauf, dass Zar Nikolaus II der Sieg versagt bleibt – denn so würde die Revolution bessere Chancen haben. Jetzt ist es wieder soweit.

Tausende Russinnen und Russen stimmen mit ihren Füßen über das Putin-Regime ab: Sie verlassen in Scharen das Land. Jene Glücklichen, die ein Schengen-Visum besitzen, fliehen nach Finnland, andere gehen nach Dubai, Tiflis, Istanbul oder Jerewan ins Exil und lassen ihr Leben in Russland hinter sich. Freilich: Sie müssen nicht vor den Bomben, Raketen und Artilleriegranaten von Putins Armee und unter Todesangst fliehen, wie die Ukrainer, aber die Silowiki im Kreml, die den Krieg geplant haben, haben bisher auch rund 200.000 junge, gut ausgebildete Vertreter der Intelligenzija, Programmierer oder Ingenieure vertrieben. Diese Menschen haben Respekt ebenso verdient, wie jene, die es in Putins Russland immer noch wagen, Widerstand gegen diesen Krieg zu leisten oder zumindest unbemerkt Sand ins Getriebe streuen.

Wladimir Putin hat den Opfermut der Sowjetunion im "Großen Vaterländischen Krieg" (1941-1945, der Einmarsch der UdSSR in Polen im Jahr 1939 wird ignoriert) zum tragenden Narrativ des heutigen Russland hochstilisiert. Nicht einmal das erste Lebewesen im All, Laika, die 1957 mit dem Sowjetischen Raumflugkörper Sputnik ins All geschossen wurde, oder der Kosmonaut Juri Gagarin, der 1961 als erster Mensch im Weltall, kommt an den Stolz über den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" heran. Doch Russlands Kriege der vergangenen Jahrzehnte sind alles andere als glorreich: Afghanistan endete im Desaster und die Kriege gegen die Ukraine haben letztlich dazu geführt, dass Russland ein Paria-Staat geworden ist, der von internationalen Kapital- und Güterströmen weitgehend abgeklemmt ist und sich ein neuer Eiserner Vorhang an der Westgrenze Russlands gesenkt hat.

Die Bürgerinnen und Bürger in Russland, die heute ihre Städtetrips nach Berlin und Venedig, ihre iPhones, H&M-Mode und IKEA-Möbel vermissen, zahlen einen ohnehin recht geringen Preis für den Krieg, den ihre Staatsführung angezettelt hat und die Kriegsverbrechen, die auch in ihrem Namen geschehen. Das russische Volk trägt nicht nur die kollektive Verantwortung für diesen Angriffskrieg, sondern es wird auch die Kollektivschuld dafür akzeptieren müssen.