Der Krieg ist aller Dinge Vater. Das dem griechischen Philosophen Heraklit zugeschriebene Zitat klingt schon in Friedenszeiten provokant, legt es doch eine Legitimation, ja gar eine Glorifizierung von Gewalt nahe - im Namen des Fortschritts, der Weiterentwicklung. In Zeiten des Krieges in unmittelbarer Nachbarschaft wirkt dieser Satz wie blanker Hohn angesichts des Leides jener, die durch den Krieg vertrieben, verletzt oder gar getötet werden.

Liest man das ganze Zitat, sieht die Sache differenzierter aus, ist von Gewaltverherrlichung keine Spur zu finden: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien." Der Krieg ist eine polarisierende Angelegenheit, lässt sich Heraklit zusammenfassen, er bricht bestehende Zustände auf, macht die einen menschlich, die anderen schier göttlich, versklavt die einen, befreit die anderen. Krieg kehrt Zustände um, mischt Karten neu, verschärft bestehende Missstände, zeigt aber auch neue Wege auf.

Dass wir uns nach den verunsichernden Jahren der Pandemie jetzt auch noch einem Krieg gegenübersehen, hat die Weltgemeinschaft kalt erwischt. Um die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine intellektuell einordnen zu können, dazu fehlt uns nach wie vor die emotionale Distanz. Profunde Analysen und Hintergründe helfen einen Monat nach Beginn des russischen Angriffs zwar, zu verstehen, was hier gerade mitten in Europa passiert. Die Folgen dieses Übergriffs lassen sich jedoch gerade einmal erahnen. Die Veränderungen werden tiefschürfender sein als jene der Pandemie - menschlich, politisch, militärisch, wirtschaftlich, ökologisch.

Dieser Krieg hat sich breitgemacht in der Weltgeschichte und wird sie gehörig umschreiben. Was uns als nicht unmittelbar Betroffenen zu tun bleibt? An erster Stelle: zu versuchen, das Leid der Menschen zu lindern und zu verkürzen. Und zweitens beim gerade rasanten Umordnen des globalen Gleichgewichts darauf zu achten, dass die dabei entstehenden Lösungen tragfähiger sind als die bisherigen - von der Friedenspolitik über das Konzept von Europa bis hin zu neuen Wegen der Energieversorgung und damit verbundenen ökologischen wie sozialen Herausforderungen. Diese Themen waren schon vor dem Krieg wie offene Wunden, sie sind keineswegs neu. Der Krieg hat lediglich ihre Dringlichkeit dramatisch erhöht.

Gelingt es der westlichen Wertegemeinschaft jetzt nicht, hier zukunftsweisende Wege zu finden, bleibt weiter das Zitat eines anderen großen Denkers - Werner Schwab - wahr: "Alle Dinge, die nicht differenziert abgehandelt werden, kommen später vulgär zurück."