Es ist Krise. Wohin man auch blickt. Die Pandemie ist längst nicht geschlagen und zeigt uns seit nunmehr zwei Jahren die Schwachstellen der Globalisierung auf - von absurd langen Lieferketten rund um den Globus bis zum gefährlich tiefen Eindringen in tierische Habitate. Der Krieg in der Ukraine führt uns den Preis dafür vor, sich mittels günstigem Gas von einem System abhängig gemacht zu haben, dessen Demokratieverständnis nicht erst seit Russlands Angriffskrieg mitten in Europa fragwürdig ist. Die Klimakrise droht gleichzeitig, mit Wetterkapriolen auch die Landwirtschaft in gemäßigten Klimazonen zu beeinträchtigen. Und das sind nur die unmittelbaren großen Themen. Die zunehmende Ungleichverteilung von Wohlstand und die damit verknüpften sozialen Unruhen, eine ungewisse Sicherheitspolitik, gesellschaftliche Spaltungen oder künftige Wellen an Wirtschafts- und Klimaflüchtlingen sind da noch gar nicht eingepreist.

Judith Belfkih ist stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Judith Belfkih ist stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Jetzt gibt es freilich keine Zauberformel, die alle Probleme der Menschheit mit einem Streich lösen würde. Von Ohnmacht sind wir jedoch ebenso weit entfernt. Einige der zentralen Problemfelder ließen sich sogar mit denselben Lösungsansätzen eindämmen - Konsequenz vorausgesetzt. Die Corona-Krise hat gezeigt, was alles möglich ist an Veränderungen, wenn der politische (und wirtschaftliche) Wille nur da ist und entsprechend entschlossen umgesetzt wird.

Es sind zwei zentrale Maßnahmen, die (zumindest von Europa aus gesehen) Dynamik in etliche Probleme brächten: kürzere Handelswege und Lieferketten sowie der konsequente Umstieg auf erneuerbare Energie. Damit ließen sich vielschichtige Abhängigkeiten auflösen und Klimaziele in greifbare Nähe rücken. Industrie- und Produktionsstätten im Rahmen eines solchen Masterplans wieder stärker in Europa anzusiedeln, würde zwar kurzfristig zu Produktteuerungen führen, langfristig aber für stabilere Preise und eine fairere Verteilung der Kosten sorgen. Denn einen hohen Preis haben billige Konsumgüter auch heute, nur dass dieser nicht in Euro, sondern in Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen weit weg von Europa bezahlt wird. Und über klimafreundliche Energielösungen nachzudenken, diesen ohnehin anstehenden Schritt hat die drohende Gas-Krise mit Russland nun schlicht beschleunigt. Oder tut das im Idealfall zumindest.

Was der Logik dieser Lösungsansätze im Weg steht? Nicht nur die Profitgier von Lobbyisten, sondern auch die Konsumfreude von an scheinbar billige Produkte gewöhnten Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Scheinmoral, die uns bei allen Sanktionen (noch) nicht davon abhält, weiter russisches Gas zu kaufen. Der fehlende Weitblick, der es dem Menschen nur möglich macht, auf ihn unmittelbar bedrohende Katastrophen zu reagieren. Und die Bequemlichkeit, nichts am eigenen Lebensstil ändern zu wollen, um Probleme, die fern von uns existieren, zu lösen. Wahrscheinlich werden wir dazu erst bereit sein, wenn sie – in gesteigerter Dramatik - unmittelbar vor unserer Türe stehen.

Sieben auf einen Streich zu schlagen, also mit stringenten und tragfähige Lösungen gleich mehrere brodelnde Probleme anzugehen, das ist sowohl denkbar als auch möglich - dennoch geschieht es wohl nur im Märchen.