Im Krieg muss man seine Gegner gut einschätzen. Und Russland scheint den Westen bisher relativ gut eingeschätzt zu haben. Die Ukraine ist weder Nato-, noch EU-Mitglied, also greift das Militärbündnis weiter nicht ein, um einen Weltkrieg zu vermeiden. Europa ist so stark von russischen Energieimporten abhängig, dass die härteste Waffe – der Gashahn – bisher unberührt bleibt.

Marina Delcheva ist Leiterin des Ressorts "Wirtschaft" bei der "Wiener Zeitung".
Marina Delcheva ist Leiterin des Ressorts "Wirtschaft" bei der "Wiener Zeitung".

Es ist eine in Milliarden gegossene, gegenseitige Abhängigkeit, die diesen Krieg mitfinanziert. 40 Prozent des in der EU verbrauchten Gases kommen aus Russland. In Österreich sind es sogar 80 Prozent. Allein am Freitag pumpte Gazprom 108,4 Millionen Kubikmeter Gas durch die kriegsgebeutelte Ukraine an europäische Kunden. Laut dem Brüsseler Thinktank Bruegel zahlten die EU-Staaten im März täglich 660 Millionen US-Dollar für Gaslieferungen an Russland.
Energieexporte sind Moskaus wichtigste Einnahmequelle, das war schon vor dem Krieg so. Sie machen 60 Prozent der russischen Exporte und 40 Prozent der föderalen Einnahmen aus. Und sie brachten der EU jahrelang billigen Wohlstand und Wachstum. Denn russisches Gas war deutlich günstiger als Gas aus den USA. Und, das muss auch gesagt sein, eine Spur weniger umweltschädlich, als das durch chemisches Fracking und mit großem Energieaufwand verschiffte Flüssiggas aus Übersee.

Jahrzehntelang hat man sich mit Wladimir Putins Russland arrangiert und über Menschenrechtsverletzungen großzügig hinweggesehen. Das gilt ganz besonders für Österreich.
Die OMV hat 1968 einen Erdgasliefervertrag mit der damaligen UdSSR unterzeichnet - als erstes westeuropäisches Unternehmen. 2018 wurde der Vertrag zwischen der OMV und der russischen Gazprom unter Beisein Putins in Wien um weitere 40 Jahre verlängert. Russland ist mit über 21 Milliarden Euro der zweitgrößte Auslandsinvestor. Das verbindet.

Die bisherigen Sanktionen sind hart, aber nicht hart genug, um den Krieg zu beenden. Ökonomen prognostizieren für Russland einen BIP-Einbruch von 10 Prozent und eine Inflation von 20 Prozent. Das trifft den russischen Mittelstand hart, aber es bringt Russland Wirtschaft nicht zu Fall. Bleibt nur noch der Gashebel. Aber an diesem traut sich auch nach dem Massaker von Butscha noch niemand zu drehen. Denn für einige EU-Länder würde das im Extremfall ein Stillstand in der Industrie und kalte Wohnungen im Herbst bedeuten. Das Einzige, das Putin vermutlich unterschätzt hat, ist die Widerstandskraft und die Kampfbereitschaft der Ukrainer.