Der Favorit hat sich durchgesetzt. Emmanuel Macron bleibt für weitere fünf Jahre mächtiger Präsident der französischen Republik, einem der beiden Kernstaaten der Europäischen Union.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

- © Luiza Puiu

Allerdings ist sein Sieg in der Stichwahl alles andere als ein glänzender Erfolg, und das, obwohl er deutlicher ausfiel als zunächst zu befürchten war. Macrons Mehrheit beruht auf dem Prinzip des kleineren Übels, des kleinsten gemeinsamen Nenners, auf den sich Frankreich gerade noch ein weiteres Mal zu verständigen imstande war. Erneut war es eine Wahl gegen Marine Le Pen, die rechtspopulistische Herausforderin, nicht für Macron.

Der Name Le Pen taucht in einer Stichwahl für das höchste politische Amt Frankreichs zum ersten Mal im Jahr 2002 auf. Vor zwanzig Jahren unterlag der rechtsextreme Vater der jetzigen Kandidaten gegen den konservativen Amtsinhaber Jacques Chirac krachend mit 17,2 gegen 82,8 Prozent der Stimmen, nachdem im ersten Durchgang der Abstand lediglich drei Prozentpunkte – 19 gegen 16 Prozent – betrug. 2017, als die Tochter es zum ersten Mal in die Stichwahl schaffte, setzte sich Macron mit 66 zu 34 Prozent durch. Am Sonntag blieb der Amtsinhaber laut ersten Hochrechnungen unterhalb der 60-Prozent-Marke.

Auch weniger als 60 Prozent können in einer Demokratie ein glänzender Sieg sein, oder auch ein Warnsignal. Im Falle Frankreichs sollte die Wiederwahl Macrons trotz des Aufatmens vieler als Alarmzeichen gewertet werden. Das politische Zentrum ist im ersten Wahlgang vor zwei Wochen zur Minderheit geschrumpft. Anti-Establishment-Kandidaten an den rechten und linken Rändern des politischen Spektrums erzielten gemeinsam 52 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die Sehnsucht nach einem Bruch mit den bestehenden politzischen Verhältnissen ist unübersehbar. Und seit 2002, als Chirac noch mit 82 Prozent gegen den Vater Le Pen triumphierte, hat er von einer absoluten Mehrheit Besitz ergriffen.

Es wäre fatal, würde Macron, würde Frankreich, würde Europa über dieser Entwicklung nun nach dem Motto, es sei ohnehin wieder alles gut gegangen, zur gewohnten Tagesordnung übergehen. Es macht etwas mit Wählern, deren Absage an ein bestehendes System zwar von Wahl zu Wahl wächst, deren Erwartungen jedoch verlässlich enttäuscht werden. Radikalisierung ist eine reale Option.

Eine konstruktive politische Antwort auf die Frustration und die Wut vieler Menschen in Frankreich zu finden, ist leichter gefordert als in die Praxis umgesetzt, zumal sich nicht einmal die Unzufriedenen in offener Abneigung gegenüberstehen und nur allzu oft einander widersprechende politische Konzepte propagieren.

Die Last auf Macrons Schultern wiegt umso schwerer, weil es neben und hinter ihm keine zentristische politische Alternative mehr gibt. Macron ist das Produkt des Selbstzerstörungsprozesses der alten traditionellen politischen Lager der linken und rechten Mitte. Und er hat diese Lager in seiner Amtszeit weiter geschwächt, ohne ein neues stabiles politisches Element an deren Stelle aufzubauen.

Frankreich ist auf eine Wahldemokratie von politischen Ich-AGs heruntergesunken. Das ist kein gutes Fundament für die Stabilität dieses europäischen Kernlandes, entspricht dafür andererseits einem Trend, der ausgehend von den USA in zahlreichen anderen Staaten erkennbar ist, auch in Österreich. Macron allein wird diesen Trend nicht umkehren können. Hoffentlich beschleunigt er ihn in den kommenden Jahren nicht noch weiter.