Auch im Osten läuft es für den Kriegsherrn im Kreml offensichtlich nicht gut. Bei Charkiw, das seit dem russischen Einmarsch unter massivem Beschuss steht, drängt die ukrainische Armee Wladimir Putins Truppen mit erfolgreichen Gegenangriffen Stück für Stück in Richtung Grenze zurück. Auch in der Gegend um Isjum, von wo aus Russland offenbar nach Süden vorstoßen wollte, um die ukrainischen Kräfte im Donbass einzukesseln, kommt die Offensive nur schleppend voran. Es gibt kaum Geländegewinne, und wenn, dann sind diese unter hohen Verlusten erkauft.

Ob die russische Armee, die nach Schätzung des britischen Verteidigungsministeriums in der Ukraine nur noch über 75 Prozent ihrer ursprünglichen Kampfkraft verfügt, das notwendige Momentum zurückerlangt, ist damit fraglich. Einige westliche Militärexperten gehen bereits davon aus, dass Russland nicht mehr genug in der Hinterhand hat, um seine Eroberungspläne im Osten und Süden der Ukraine umzusetzen.

Die Signale, die der Kreml sendet, sind derzeit freilich ganz andere. In Transnistrien, jenem kleinen prorussischen Landstrich, der sich vor mehr als 30 Jahren von der Republik Moldau losgesagt hat, werden mit False-Flag-Operationen gezielt Spannungen geschürt, die ein militärisches Eingreifen Russlands auch hier als möglich erscheinen lassen. Und im russischen Staatsfernsehen debattiert quasi allabendlich eine Runde von Putin-Propagandisten über eine Ausweitung des Krieges Richtung Westen, wobei mitunter auch minutiös darüber diskutiert wird, wie lange eine Atomrakete von Kaliningrad nach Paris, Berlin oder London bräuchte.

Dass Transnistrien Ausgangspunkt für einen großen Angriff auf Moldawien oder die Westukraine wird, ist wegen des von der Ukraine kontrollierten Luftraums und der geringen Truppenstärke dort jedoch ebenso unwahrscheinlich wie ein Nuklearschlag auf die Hauptstadt eines Nato-Landes.

Putin benutzt vielmehr seine älteste und wohl auch effektivste Waffe: das Spiel mit der Angst. Die Furcht davor, in einen sich immer weiter auswachsenden Krieg hineingezogen werden zu können, hat schon zu Beginn der Invasion dafür gesorgt, dass der Westen der Ukraine nur zögerlich mit Waffen beigestanden ist. Und auch jetzt treibt die Angst die Debatte, wie nicht zuletzt jener offene Brief zeigt, in dem 27 deutsche Persönlichkeiten der Ukraine die Kapitulation nahelegen.

Scharf ist die Waffe der Furcht aber vor allem dann, wenn sie als scharf angesehen wird. Entlarvt man das Spiel mit der Angst und tritt diesem - so wie es die nordischen und baltische Staaten gerade getan haben - entgegen, verliert es schnell an Wirkung.