Auf den "Tag der Befreiung" vom Sonntag folgt am Montag der "Tag des Sieges". In der Vergangenheit existierte zwischen dem 8. Mai, als 1945 der Sieg der Alliierten über den Nationalsozialismus feststand, und dem Hochamt der Stärke der einst sowjetischen, nunmehr russischen Armee ein logischer Zusammenhang. Damit ist es seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine vorbei.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

- © Luiza Puiu

Seit Wochen sind deshalb für diesen Montag alle westlichen Augen auf die Rede des russischen Kriegspräsidenten Wladimir Putin gerichtet. Mit welcher Botschaft wird der 69-Jährige vor sein Volk und die Weltöffentlichkeit treten: Wird er den Einsatz der Gewalt weiter verschärfen, die territoriale Integrität weiterer Nachbarstaaten infrage stellen, wird er klare Kriegsziele benennen oder womöglich die Tür für einen Waffenstillstand wenigstens einen Spalt breit öffnen?

Genau rechtzeitig zu Putins großem Auftritt verkündeten die G7, die Vereinigung der sieben wichtigsten westlichen Industriestaaten, den Ausstieg aus russischem Öl und weitere Sanktionen gegen Moskau. In der Gruppe vertreten sind mit Deutschland, Frankreich und Italien auch drei EU-Staaten. In Brüssel hofft man, im Laufe der kommenden Woche einen EU-internen Kompromiss in Bezug auf ein Ende russischer Öl-Importe bis Ende des Jahres zu erzielen; gleich vier osteuropäische Staaten reklamieren Ausnahmen für sich.

Dass in der inner-europäischen Debatte über immer schärfere Sanktionen gegen Russland längst auch die immer höheren volkswirtschaftlichen Kosten für die EU-Staaten selbst angekommen sind, unterstreicht die in zahlreichen Hauptstädten, darunter Wien, teils mehr als erratische Suche nach politischen Antworten auf die horrend steigenden Energiekosten für Wirtschaft wie Bürger.

Beide Themen, die möglichst geeinte Demonstration europäischer Entschlossenheit und Stärke gegen Russland sowie eine so pragmatische wie wirksame Antwort der Regierenden auf die steigenden Energiekosten, hängen aufs engste zusammen. Denn wenn klar werden sollte, dass weder die Akteure in Brüssel noch in den EU-Regierungen eine Lösung für die wirtschaftlichen Sorgen von immer mehr Menschen haben, wird eher schneller als langsamer die politische Unterstützung für Härte gegen Russland dahinsiechen.

Die G7-Erklärung für ein Ende russischer Öl-Lieferungen vom Sonntag würde in Moskau wohl noch mehr an gewünschter Wirkung entfalten, wenn am Montag nicht nur alle Augen auf Putin und seine Rede zum "Tag des Sieges" gerichtet sind, sondern sich die EU-Staaten gemeinsam mit der Kommission daran machen würden, eine strategische und langfristig wirksame Antwort auf die massiv steigenden Lebenshaltungskosten, deren größter Treiber die Energiepreise sind, zu formulieren. Passen zum Datum würde es auf jeden Fall: der 9. Mai ist auch Europa-Tag.