Die Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang von Krisen ist verständlich. Man muss sich dazu zwingen, die schlimmstmöglichen Folgen durchzudenken. Viel einfacher und erfreulicher ist da die Hoffnung, dass schon alles gut gehen wird. Doch wenn uns die Pandemie, hoffentlich, eines gelehrt hat, dann ist es die Erfahrung, dass es immer noch schlimmer kommen kann und selbst Erfolgsmeldungen – man denke an die Covid-Impfung – das Problem nicht einfach verschwinden lassen.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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Das Prinzip Hoffnung kann in höchster Not Kraft verleihen, aber einen eben auch davor in trügerischer Sicherheit wiegen.

Die "Worst Case"-Szenarien zum Ukraine-Krieg sind furchterregend, und das keineswegs nur für die Ukraine, sondern auch für die EU. Die Folgen eines eskalierenden und umfassenden Energie- und Wirtschaftskrieges mit Russland werden die EU – und allen voran Deutschland und Österreich – in eine schwere Rezession stürzen, die manche Branchen existenziell bedroht und darüber hinaus an fast keiner Firma und keinem Haushalt spurlos vorübergehen wird.

Die Erfahrung spricht dafür, dass eine solche Entwicklung als Gift für den Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den Staaten wirken wird. Wenn es um existenzielle Fragen für die eigenen Bürger geht, verkommen solche Begriffe schnell zu bloßer Rhetorik. Gut in Erinnerung ist noch der Ausfuhrstopp Deutschlands gleich zu Beginn der Pandemie für knappe medizinische Hilfsmittel, die für Österreich oder die Schweiz bestimmt waren. Natürlich kann man auf Lerneffekte hoffen, aber verlassen sollte man sich nicht darauf. Solche Konflikte können sich wiederholen, wenn die Not groß genug ist.

Spätestens dann, wenn nicht schon deutlich früher, droht auch der politische Konsens hinter den immer härteren Sanktionen gegen Russland zu bröckeln, weil die damit verbundenen Kosten als immer schwerer zu rechtfertigen erscheinen. Zumal, wenn die am stärksten exponierten Regierungen selbst nur über einen wackeligen nationalen Rückhalt verfügen. Die geschlossene Front zur Isolation von Wladimir Putins Regime wäre dann passé; der Versuch der EU, sich als geopolitischer Akteur zu etablieren, läge in Trümmern. Auch dies ist ein Szenario mit unabsehbaren Folgen für die Zukunft der EU.

Nichts davon ist gewiss, dafür ist die Situation viel zu dynamisch. Aber wenn das Töten weitergeht, der Energie- und Wirtschaftskrieg endgültig eskaliert, dann werden diese Szenarien realistischer. Die Verantwortlichen sollten sie jetzt schon durchspielen und alle ihre Optionen prüfen.