Neulich auf der Titelseite der französischen Tageszeitung "Libération" fand sich eine bissige Karikatur: Der französische Präsident Emanuel Macron blättert versonnen in einem Buch, das die Europafahne ziert, seine Premierministerin Elisabeth Borne ist damit beschäftigt, ist beim Sommerurlaub am Strand Sandburgen zu bauen. Doch eine gigantische Tsunamiwelle baut sich auf, Coronaviren prasseln bereits von der Schaumkrone der brechenden Welle.

Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © WZ

Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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Die Aussage ist klar: Die nächste Corona-Virus-Welle bricht erbarmungslos über uns herein, während sich die Regierenden noch im Sommerurlaub entspannen.
Denn das Drehbuch des Pandemie-Schockers kennt man bereits von der x-ten Wiederholung – logarithmische Entwicklung der positiven Fälle, gebannter Blick auf die Hospitalisierungsstatistik, Sorge um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Dienstleistungen und der Sicherheit der Lieferketten angesichts explodierender Krankenstände. 

Dazu eine zunehmend Corona-müde Bevölkerung: Apathie und Achtlosigkeit einerseits, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung ob des nicht und nicht aufflackernden Lichts am Ende des Tunnels andererseits. Allgemeiner Tenor: "Hört denn das nie auf?"

Aber wie geht es nun weiter: 4ter Stich zuerst für die vulnerablen Gruppen, dann auch für die Allgemeinheit, Maske wieder auf, Kontakte wieder beschränken, Testregime wieder hochfahren? Die Impfmüdigkeit hat freilich weiter zugenommen und der Kampfgeist in der Virusabwehr hat in gleichem Maße abgenommen. Selbst jenen, die seit dem Beginn der Pandemie versucht haben, alles richtig zu machen – und zwar nicht nach tirolerischer Interpretation, sondern im Wortsinn – kommen Zweifel, ob mit den gebotenen Mitteln das Covid-19-Virus mit seinem Spektrum an Mutationen besiegt werden kann.

Dass ausgerechnet jene, die uns vor dem Virus schützen wollen, gefährlich bedrohen, zeigt den Level an pandemischer Massenverwirrung, die offenbar bei manchen auf die Intelligenz und den Benimm schlägt: So wie es unlängst dem Virologen Christian Drosten auf einem Campingplatz im südlichen Mecklenburg-Vorpommern passiert ist oder der oberösterreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, die wegen der gefährlichen Drohungen, die gegen sie gerichtet sind, sogar ihre Ordination schließen musste. Dass sich die oberösterreichische Polizei bei den Ermittlungen zu diesem Fall nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, trägt nicht gerade zur Beruhigung bei.

Dabei gibt es keinen Grund, nun vor Covid-19 zu kapitulieren: Das Wissen über das Virus ist seit Jänner 2020 phänomenal gewachsen, die Impfung bietet Schutz vor schweren Verläufen und wirksame Medikamente haben der Lungenerkrankung den ärgsten Schrecken genommen. Es wurden bemerkenswert effiziente Testsysteme hochgezogen und Europa hat bewiesen, dass es in der Lage ist, flexibel und der Situation angemessen zu agieren und zu reagieren. Denn so schön es gewesen wäre, das Virus gleich zu Beginn der Pandemie mit einer No-Covid-Strategie auszulöschen – dieser Zug hat den Bahnhof wohl bereits irgendwann im März oder April 2020 verlassen. Chinas verzweifeltes Festhalten daran macht diese Strategie heute nicht wirkungsvoller. Doch die Strecke, auf der die Menschheit lernt, mit dem Virus zu leben, liegt noch vor uns. Für Sorglosigkeit ist es leider noch zu früh.