Sieht Russlands Präsident Wladimir Putin sich mittlerweile als legitimer Erbe eines seltsamen Amalgams aus Zar Peter dem Großen, Wladimir Iljitsch Lenin, Josef Stalin und des christlich-byzantinischen Missionarsbruderpaars Kyrill und Method, die den Slawen das Christentum brachten? Möglicherweise. Möglicherweise sind all diese Assoziationen, die er wecken will, auch nur Propaganda für Heimatfront und die Putin-Versteher im Ausland zugleich.

Klar ist: Der russische Präsident scheint sich heute als historische Figur der Gegenwart zu verstehen, der das "Unrecht", das die Geschichte Russland in den Jahren ab 1989 – Verlust der Hegemonialsphäre von Jalta, Zerbrechen der UdSSR 1991 – aus seiner Sicht angetan hat, revidieren will.

Wo Putins Irredentismus endet, kann heute niemand mehr sagen: Die Ukraine wird Tag und Nacht bombardiert, Belarus ist längst nur mehr ein williger, unterworfener Vasallenstaat, Kasachstans Pipelinerouten durch die Russische Föderation werden gekappt und der zentralasiatische Staat wird damit von seinen lukrativen Abnehmer-Märkten im Europa abgeschnitten. Damit erhöht Putin nicht nur den Einsatz im Öl-Krieg gegen die Europäische Union, sondern die Warnschüsse gegen jene, die sich zu weit aus dem Orbit Moskaus wagen, kommen aus Mündungen mit immer größeren, furchterregenderen Kalibern. Kirgistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan – die Baltischen Staaten und Moldawien – alle dürfen sich fürchten.

Doch Putin verkalkuliert sich: In Minsk stimmte bei der letzten Präsidentenwahl eine Mehrheit der Bevölkerung gegen den Autokraten Alexander Lukaschenko, man darf davon ausgehen, dass Lukaschenos willfährige Hilfe für Putins Krieg gegen die Ukraine die Begeisterung für den Mann im Präsidentenpalast – der ironischerweise "Palast der Unabhängigkeit" heißt – nicht gerade vergrößert hat. Lukaschenko könnte sich eines Tages als das schwache Glied in Putins Aggressions-Strategie erweisen. Der baldige Nato-Beitritt von Finnland und Schweden verstärkt die Nordflanke des Westens und bringt erhöhten Schutz für Estland, Lettland und Litauen. Moldawien und Georgien erhöhen ebenfalls ihre Zusammenarbeit mit der Nato und stecken Unsummen in eine Verbesserung ihrer Verteidigungsbereitschaft.

Die Erpressung Kasachstans ist für Moskau besonders heikel: Das Land verbindet seit dem Ende der Sowjetunion eine lange und innige Freundschaftsbeziehung zur Russischen Föderation. Kasachstan war aber stets bemüht, sich andere Optionen offenzuhalten: Zu den USA, zur EU und zur Volksrepublik China. Wenn Putin Kasachstan den Öltransit durch russische Pipelines verwehrt, hat der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew gar keine andere Wahl, als schleunigst in direkte Routen Richtung Westen zu investieren und die Pipelinerouten nach China auszubauen. Potenzielle Spannungen zwischen Moskau und Peking sollten im Kreml übrigens für mehr Kopfzerbrechen sorgen als im chinesischen Regierungsbezirk Zhongnanhai. Denn im neuen "Ostblock" ist Russland der eindeutige Juniorpartner.

Mit dem Öl- und Gaskrieg gegen die EU bringt Wladimir Putin Europa zwar kurzfristig massiv unter energiepolitischen Zugzwang, mittel- und längerfristig wird ein russisches Öl- und Gas-Embargo in Europa zu ähnlichen Ergebnissen führen wie das OPEC-Embargo in Japan 1973. Das Reich der aufgehenden Sonne war damals vom OPEC-Ölembargo besonders getroffen, konnte aber letztlich vom Öl-Schock sogar profitieren. Denn plötzlich verkauften sich die sparsamen japanischen Autos und Elektronikgeräte ausgezeichnet. Der E-Mobilität und den Erneuerbaren gehört die Zukunft, nicht den fossilen Energieträgern.

"Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil die Steine ausgingen", sagte der frühere saudische Erdölminister und Kopf der Opec, Scheich Ahmed Zaki Yamani, einmal, "und das Erdölzeitalter wird nicht zu Ende gehen, weil das Erdöl aufgebraucht ist." Ein Ziel der Opec war es daher nach den Lehren nach dem Öl-Embargo, die Weltwirtschaft nicht mit zu hohen Ölpreisen abzuwürgen (weil dadurch die Nachfrage nach Öl und Gas sinkt) und gleichzeitig den Preis von Öl und Gas zwar möglichst hochzutreiben, aber dennoch so niedrig zu halten, dass erneuerbare Energieträger keine Preiskonkurrenz darstellen. Nun könnte dank Wladimir Putin das Post-Petroleum-Zeitalter schneller kommen als gedacht.