Es war 1903, da setzten deutsche Brauereiarbeiter eine der ersten, womöglich die allererste tarifvertragliche Urlaubsregelung durch. Drei Erholungstage pro Jahr wurden ihnen anfangs zugestanden. Der Rechtsanspruch auf Urlaub war der Beginn einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte, die unsere wie andere Gesellschaften durch die menschliche Reise- und Konsumlust reicher gemacht und die meisten auch noch gesünder gehalten hat.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

- © Luiza Puiu

Nur für Politiker gelten andere Regeln. Die österreichische Rechtsordnung kennt für Politiker keinen Urlaubsanspruch. Abgeordnete können sich so viel Urlaub nehmen, wie es sich mit dem Amt vereinen lässt; bleibt ein Mandatar länger als 30 Tage den Sitzungen des Nationalrats unentschuldigt fern, muss ihn der Nationalratspräsident zum Erscheinen auffordern; 1998 wurde dem damals flüchtigen FPÖ-Abgeordneten Peter Rosenstingl das Mandat aberkannt, weil er sich zwei Monate in Brasilien aufgehalten hatte - auf der Flucht vor dem Gesetz.

Kanzler und Minister sind dagegen immer im Dienst, und wenn außer Landes oder anderweitig nicht verfügbar, müssen sie sich durch einen anderen Minister vertreten lassen.

Das ist jedoch nicht der Grund, warum Politiker und ihr Urlaub ein alljährliches - und gerne öfters - Medienthema darstellen. Was vor Jahrzehnten mit der Inszenierungslust der Politik seinen Anfang genommen hatte und von den damals vergleichsweise handzahmen Medien gerne aufgenommen wurde, hat sich mittlerweile zu einem Spießrutenlauf für die Politik entwickelt, bei dem nicht wenige ihre Würde aufgeben, um im machtbewussten Boulevard günstig ins Bild gerückt zu werden.

Aus dem Wandel dieser Verhältnisse lässt sich die Geschichte eines Machtverfalls destillieren. Einstmals waren Politiker unangefochtene Respektpersonen, die es nicht nötig hatten, ohne Unterlass zu betonen, dass sie sich im Dienst für die Allgemeinheit aufreiben. Man glaubte es ihnen einfach, zumindest wurde es nicht offen in Frage gestellt. Später dann sah sich die Politik veranlasst, ihre Arbeit zu inszenieren, weil das Ansehen ihrer Branche - teils selbst, teils unverschuldet - mittelschweren Schaden genommen hatte.

Seitdem betonen Politiker aller Couleur ihr Malochertum für Land und Leute, weil das allgemeine, auch medial befeuerte Vorurteil gegen sie steht. Nur wenigen Glückskindern und einigen Glücksrittern werden vom Boulevard Müßiggang und prächtige Reisen nachgesehen und sogar mehr: so mancher inszenierte Schnappschuss findet dann den Weg in ausgesuchte Medien, wenn die Chemie beiderseits stimmt.

Wie es gehen kann, wenn die Chemie massiv gestört ist, erlebt derzeit Bundeskanzler Karl Nehammer. Dieser steht bekanntlich unter Druck, teils selbst - missglückte Sprüche und trotzdem seltsam unsichtbar -, teils unverschuldet, die Krisen, Sie wissen schon. Um sein Arbeitsethos zu betonen, sagte er seine Dienstbesuche bei den Festspielen in Salzburg und Bregenz ab, kurz darauf auch den geplanten Familienurlaub, um seine ganze Kraft dem Krisenmanagement zu widmen. Doch der Boulevard lässt sich damit nicht milde stimmen, im Gegenteil. Kurz darauf konterkariert die Bekanntmachung einer ausgedehnten Sommertour der ÖVP die Kanzler-Erzählung vom Dienst rund um die Uhr.

Die Politik hat sich in ein Abhängigkeitsverhältnis einiger mächtiger Medien begeben. Daraus findet sie jetzt keinen Ausweg mehr. Was sie auch unternimmt, es wird ihr zum eigenen Schaden ausgelegt. Warum also nicht einfach das tun, von dem die Politik tatsächlich überzeugt ist, dass es richtig und notwendig sei. Es könnte der Anfang einer Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit werden.