Der ungarische Premier ist ein bemerkenswertes Beispiel, wie sich ein Politiker, der sich für unangreifbar und unbesiegbar hält, selbst radikalisiert. Dieser Viktor Orban wird am Donnerstag von Bundeskanzler Karl Nehammer in Wien empfangen. Und alle, jedenfalls sehr viele sehr kritische Augen werden dabei auf Österreichs Regierungschef gerichtet sein.

- © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

Orban ist für jeden konservativen, christlich-sozialen oder rechtsmittigen Politiker in Europa zu einem heiklen - heute nennt man das toxischen - Gesprächs- und Verhandlungspartner geworden. Wer Politik auf die Eroberung sowie die Vermehrung von Macht verzwergen will, für den hat Orban vieles richtig gemacht. Immerhin ist es ihm gelungen, sich seinen Staat perfekt auf den eigenen Leib zu schneidern. Sämtliche Schlüsselstellen in Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und Medien sind mit Verbündeten und Loyalisten besetzt - auf Kosten von Rechtsstaatlichkeit und fairen Wahlen.

Dass Orban immer wieder auch die Kontrolle verliert über seine kontrollierten Provokationen und Tabubrüche, die fester Bestandteil seines politischen Handwerkszeugs sind, hat seine jüngste Rede vor Anhängern der ungarischen Minderheit in Rumänien - dass seit 1920 Millionen ethnischer Ungarn außerhalb Ungarns leben, ist ein bis heute wirksamer Treiber für Nationalisten - gezeigt. Dass er unverhohlen mit rassistischen Thesen argumentierte, hat nicht nur zur üblichen Empörung aus den Reihen der politischen Gegner geführt. Dieses Mal stellte sich auch eine langjährige enge Vertraute gegen den habituellen Provokateur. Es sei dies eine "Goebbels-würdige Rede" gewesen, sagte die Weggefährtin und kündigte Orban die Gefolgschaft.

Der Treffer zeigte Wirkung, denn anders als sonst sah sich Orban zur öffentlichen Richtigstellung gezwungen. Das ist selten, üblicherweise doppelt er bei eigenen Provokationen gegen die Kritiker noch nach.

Nehammer kündigte am Mittwoch an, aus grundsätzlichen Gründen und zwecks Wahrung der eigenen Reputation mit seinem Gast in dieser Frage Klartext zu reden. Es ist dennoch nicht zu erwarten, dass Orban auf offener Bühne reumütig Fehler eingesteht. Das "I don’t do Mea Culpa" des verfemten Putin-Verstehers Gerhard Schröder gilt auch für ihn.

Der Kanzler wird es dabei belassen; ihn verbinden 356 Kilometer gemeinsamer Grenze, hunderttausende ungarnstämmige Migranten und eine 340-jährige Geschichte kultureller und politischer Verbundenheit. Nachbarn müssen miteinander reden - umso mehr, wenn die Zeiten und Themen heikel sind.