Der Krieg Russlands in und gegen die Ukraine dauert nun schon unvorstellbare 157 Tage - und, das ist fast noch erschütternder, weit und breit kein Hinweis auf ein baldiges Ende. Ungeachtet des jüngsten Aufrufs von Papst Franziskus ist die Aussicht auf Frieden unendlich weit entfernt, ja nicht einmal ein Waffenstillstand ist absehbar.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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Über die tatsächliche Interessenlage Russlands - besser gesagt: von Wladimir Putins und dessen engster Entourage - kann nur gerätselt werden. Von außen vermag niemand mit Sicherheit deren Kosten-/Nutzenkalkulation mit Blick auf den jeweiligen Stand auf dem Schlachtfeld zu beurteilen. Möglich also, dass Putin mit sich reden ließe, um seine Gebietsgewinne im Osten und Süden der Ukraine abzusichern.

Genau das zu verhindern, ist verständlicherweise das vorrangige Ziel der Führung in Kiew. Kein Quadratmeter ukrainischen Bodens, auch nicht die 2014 von Russland annektierte Krim will man dem Aggressor überlassen. Alles andere würde tatsächlich Moskau für seine Invasion belohnen.

Diese Position wird auch in den Hauptstädten der EU und in Washington vorbehaltlos unterstützt: Über die Voraussetzungen für Verhandlungen könne allein das überfallene Opfer, die Ukraine, entscheiden. Und bis es so weit ist, ist die Entschlossenheit groß, Kiew mit den nötigen Waffen, Geld und anderen Ressourcen im Kampf gegen Russland um das staatliche Überleben zu unterstützen.

Das von der Türkei moderierte Abkommen über die Wiederaufnahme der Getreideexporte aus der Ukraine (und auch aus Russland) unter Miteinbeziehung der UNO ist ein einsamer Hoffnungsschimmer auf weitere solcher thematisch eng begrenzter Übereinkommen zwischen den beiden Kriegsparteien. Doch aktuell ist davon nichts zu erkennen.

Frühestens zu Jahresende werde es ein realistisches "Window of Opportunity" für einen Waffenstillstand geben, zeigt sich ein türkischer Beobachter überzeugt. Das würde weitere fünf Monate dieses blutigen, brutalen Kriegs bedeuten. Und offen ist auch, wer dann eine - womöglich nur vorübergehende - Einstellung der Kampfhandlungen am meisten herbeisehnen würde: Russland, die Ukraine oder vielleicht sogar die EU?

Gelingt es den Europäern nicht, die wesentlichsten Kriegsfolgen auf ihre eigenen Volkswirtschaften und Bürger halbwegs abzufedern, könnte die EU zu Jahresende in einer Verfassung sein, die wir uns heute nicht richtig vorstellen wollen oder können.

Kriege werden entweder durch Siege oder Verhandlungen beendet, das ist eine Binsenweisheit. Ein sich (heute nicht) abzeichnender Sieg für die Ukraine könnte die Atommacht Russland noch gefährlicher, noch unberechenbarer machen. Ein (heute dank westlicher Waffenieferungen ebenfalls nicht absehbarer) Sieg Russlands wäre das Ende der Ukraine und ein Albtraum für den Westen. Und Verhandlungen bedeuten, dass es einen Kompromiss geben muss, den beide ertragen, mit dem beide, also auch Russland, leben könnten.

Nichts davon ist aus heutiger Sicht eine verlockende Perspektive. Aber irgendwann wird eine davon zu einer realistischen. Hoffentlich die beste.