Mit der Macht Chinas steigt der Druck auf Taiwan. Nirgendwo sonst ist die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen den USA, der Schutzmacht der westlich orientierten Inselrepublik, und der aufstrebenden Supermacht China so groß - und der einzig positive Aspekt dieser explosiven Mischung ist, dass sich alle Beteiligten des Risikos bewusst sind.

- © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

In den Augen Pekings ist der Besuch Nancy Pelosis, der Sprecherin des Repräsentantenhauses und damit Nummer drei in der Hierarchie der USA, eine Provokation. Sicherheitsexperten sind überzeugt, dass China auch militärische Gewalt (und alle anderen Formen sowieso) einzusetzen bereit ist, um eine Abspaltung der Insel zu verhindern.

Die Glaubwürdigkeit der USA als Partner im pazifischen Raum - und darüber hinaus - hängt von der Frage ab, ob Washington im Fall des Falles Taiwan zu Hilfe eilen würde. Von der Überzeugungskraft dieser Drohkulisse hängt wiederum ab, ob sich Peking von einer gewaltsamen Eroberung abschrecken lassen könnte, falls dies Krieg mit der nach wie vor militärisch überlegenen Supermacht bedeuten würde.

Hier sind viele "wenn" und "ob" im Spiel, deutlich zu viele, um beruhigt schlafen zu können.

Verständlich, aber wenig hilfreich ist dabei die Argumentation, dass Pelosis Reise eine unnötige Provokation Peking darstelle. Das wäre der Fall, wenn wir es mit einer statischen Welt zu tun hätten. Der Aufstieg Chinas bildet jedoch eine hochdynamische Konstellation, die den Status quo ständig herausfordert. Hongkong ist das deutlichste, aus Sicht der Demokratien negativste Beispiel: Binnen zwei Jahrzehnten ist von den alten Freiheiten nichts mehr übrig. Das wäre bei Taiwan wohl ähnlich.

So gesehen lässt sich der ranghohe Besuch als Widerstand gegen den Druck Chinas lesen. Für Präsident Joe Biden kommt Pelosis Statement dennoch zur Unzeit, weil er innenpolitisch Ruhe an der Wirtschaftsfront und alle Kräfte auf den Konflikt mit Russland konzentrieren muss. Tatsächlich hat Moskau schon seine Unterstützung für Peking erklärt.

Aus Europas Hauptstädten war am Dienstag kein Sterbenswörtchen zur Lage Taiwans zu hören. Das ist entweder besonders klug, weil eine realistische Einschätzung des eigenen Einflusses, oder besonders feig, weil man es sich nicht mit noch einem ökonomisch wichtigen, aber leider autoritären Regime verscherzen will.

Und China selbst: Eine selbstgewissere Führung wüsste, dass sie die Zeit auf ihrer Seite hat. Dass dem nicht so ist, ist kein gutes Zeichen - nicht für heute, und schon gar nicht für morgen.