Er ist eine Figur wie aus einem seiner Romane entsprungen: Salman, britisch-indischer Schriftsteller, veröffentlicht 1981 seinen ersten erfolgreichen Roman "Mitternachtskinder". Sein Vater Anis ist außer sich. Er erkennt sich in Ahmed Sinai, einer der eher unsympathischen Romanfiguren wieder, ein heftiger Familienstreit ist die Folge. Er habe gar nicht erst versucht, zu leugnen, dass sein Vater als Vorlage für die Romanfigur diente, wird der Autor später sagen. In der renommierten Literaturzeitschrift "The Paris Review" schreibt Salman Rushdie: "Dabei habe ich die wirklich bösen Sachen gar nicht geschrieben." Angst vor väterlichem Groll ist ihm fremd.

1988 erscheint sein vierter Roman, "Satanische Verse". Das auf die Veröffentlichung im Jahr 1989 folgende Ungemach ist für den Autor lebensverändernd. Das Telefon klingelt, ein Anruf einer BBC-Reporterin: "Wie fühlt man sich, wenn man weiß, dass man gerade von Ayatollah Ruhollah Khomeini zum Tode verurteilt wurde?" Der Anführer der iranischen Revolution hat in einer Fatwa ein Todesurteil über den Schriftsteller ausgesprochen. Als er in einer TV-Sendung gefragt wird, wie er auf die Drohung reagiere, antwortet er trotzig: "Hätte ich doch nur ein kritischeres Buch geschrieben."

"Dass er dies gesagt hatte, darauf war er stolz, damals wie heute", schrieb Salman Rushdie in seiner 2012 erschienenen Autobiografie "Joseph Anton", die er in der dritten Person verfasste.

Vorigen Freitag verübte der 24-jährige Hadi M., dessen Eltern aus dem Libanon stammen, ein Messerattentat auf Rushdie. Die Gerichte werden die Hintergründe zu klären haben, aber es muss davon ausgegangen werden, dass ein Zusammenhang zur vor 33 Jahren ausgesprochenen Fatwa besteht. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums weist zwar jegliche Verstrickung des Iran in die Tat zurück, die regierungstreue iranische Zeitung "Kayhan", die den Ultrakonservativen nahesteht, hat den Angreifer allerdings als "mutigen Mann" gelobt, der dem "lasterhaften" Rushdie "den Hals mit einem Messer aufgerissen" habe. Doch der Autor lässt sich nicht unterkriegen. "Sein üblicher kämpferischer und aufsässiger Sinn für Humor ist intakt", schrieb sein Sohn Zafar Rushdie auf Twitter.

Die Schlüsselzeilen in Rushdies Autobiografie sind wohl jene: "Die literarische Sichtweise der menschlichen Natur warb für Verständnis, Mitgefühl und die Identifikation mit Menschen, die anders waren als man selbst, doch die Welt drängte jeden in die entgegengesetzte Richtung, hin zu Engstirnigkeit, Fanatismus, Tribalismus, Kultismus und Krieg." Fanatiker, Extremisten und Eiferer - wenn sie doch nur Literatur lesen würden, anstatt an den Lippen der Hassprediger zu hängen.