Wer sich derzeit zur Abwechslung einmal nach guten Nachrichten sehnt, hat wenig Auswahl. Deprimierender ist nur, dass am Horizont noch dunklere Wolken warten.

- © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

Mit den Zinserhöhungen mitten in die konjunkturelle Gratwanderung verrückter Energiemärkte und kriegsbedingter Disruption wird Europa Seite an Seite mit den USA in eine Rezession schlittern. Und dann ist da das Risiko, dass flächendeckende Proteste gegen den Kreml Russland destabilisieren könnten.

Die Nachricht von der Teilmobilisierung war noch jung, da häuften sich schon Meldungen von einer Ausreisewelle nach Finnland und Georgien, auch von vollen Flügen ab Moskau und St. Petersburg ist die Rede. Glaubt man dem Kreml, sind diese Meldungen übertrieben; tatsächlich fallen ein paar tausend oder auch zehntausende russische Bürger, die sich einer drohenden Einberufung durch das Regime entziehen wollen, weder in Moskau noch in den Fluchtländern groß ins Gewicht.

Aber was, wenn aus dem Rinnsal ein mächtiger Flüchtlingsstrom wird? Russlands Grenzen nach Europa sind so unendlich lang, dass sich immer ein Schlupfloch findet. Und je repressiver der Staat gegen seine Bürger vorgehen wird, desto größer wird der Wunsch nach Flucht.

Laut Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks haben seit Beginn der russischen Invasion an die 7,5 Millionen der 43 Millionen Ukrainer ihre Heimat verlassen, die meisten leben bei den Nachbarn Polen und Moldawien, rund 70.000 in Österreich. Russland zählt 145 Millionen Menschen, 25 Millionen von ihnen sind potenzielle Kandidaten für den Armeedienst. Eine massive Verschlechterung der Lebenschancen im Land würde noch mehr treffen. Laut der EU-Kommission haben seit Februar rund 500.000 russische Bürger ihrem Land den Rücken zugekehrt.

Was wenn sich Millionen diesen "Early Movers" anschließen? Brüssel appellierte, die EU-Mitglieder mögen sich auf eine einheitliche Linie für den Umgang mit Flüchtlingen aus Russland einigen. Das wäre zweifellos zielführend, aber wohl höchstens als erster Schritt. Doch wie werden die EU-Staaten reagieren, wenn Millionen an ihre Türen klopfen? Und, noch wichtiger: Wie wird Wladimir Putin auf diesen Exodus seiner Untertanen reagieren? Wird sich das Regime weiter abkapseln und weiter radikalisieren? Was ist die Strategie Europas für den Ausbruch eines offenen Machtkampfs in der kontinentalen Atommacht Russland?

Die Zukunft hält noch viele düstere Szenarien für uns bereit, und auf die wenigsten sind wir wirklich vorbereitet.