Es ist ein Desaster, dieses Wahlergebnis für die Tiroler ÖVP. Und trotzdem werden, abseits der Kameras, in der Innsbrucker wie in der Parteizentrale im Bund die Korken geknallt haben angesichts dieses Defizits von rund 10 Prozentpunkten inklusive eines historischen Tiefstands.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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Kein Stein werde auf dem anderen bleiben im seit Ewigkeiten tiefschwarzen "heil‘gen Land", hieß es vor diesen mit Spannung erwarteten Landtagswahlen. Am Ende hat der Machtanspruch der ÖVP gewackelt, gefallen ist er nicht, höchstens ein paar heftigere Risse hat er abbekommen. Die ÖVP ist an Mandaten gut doppelt so stark wie ihre ersten Verfolger; und eine Mehrheit gegen die ÖVP ist zwar rechnerisch möglich, aber politisch weiter meilenweit entfernt.

Das wird zuallererst die ÖVP in St. Pölten aufatmen lassen. In Tirol gelang es der ÖVP, angesichts des enormen Gegenwinds und Aug‘ in Aug‘ mit dem drohenden Machtverlust ihre Stammwähler zu mobilisieren. Damit hat auch die bekannt mobilisierungsstarke Niederösterreichische ÖVP bei den spätestens im März stattfindenden Landtagsahlen alle Chancen, ihre Vormachtstellung zu behaupten (auch wenn die absolute Mandatsmehrheit nicht zu halten sein wird). In Innsbruck wie in St. Pölten fehlt es an einem glaubwürdigen Herausforderer, einer glaubwürdigen Herausforderin zur ÖVP, dem oder der die Leute es abnehmen, das Land führen zu können.

Was gut ist für Johanna Mikl-Leitner in St. Pölten, ist derzeit auch gut für Karl Nehammer und die in argen Turbulenzen befindliche Bundes-ÖVP. Für den Kanzler und Bundesparteichef bedeutet die Tiroler Landtagswahl eine Stabilisierung auf gerade noch erträglichem Niveau. Das gibt der in ihrem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis tief verunsicherten Kanzlerpartei eine gewisse Verschnaufpause inmitten einer beispiellosen internationalen Vielfachkrise, die auch zu inneren Verwerfungen führen kann.

Nur zur Erinnerung: Auf dem Spiel steht die mittel- und langfristige Wettbewerbsfähigkeit des europäischen, und damit auch österreichischen Wirtschaftsstandort - mit allen damit einhergehenden sozialen Folgen.

Die Tiroler Landtagswahl bedeutet für die ÖVP aber trotzdem eine bemerkenswerte Zäsur. Der ohne Vorbereitung in die Wahl geworfene Spitzenkandidat Anton Mattle zeigt an, mit welchem Politikertypus die Partei die überschaubare Episode von Sebastian Kurz halbwegs zu überleben imstande ist: Mit einem bodenständigen, authentischen Spitzenpersonal, das bescheiden und durchaus auch demütig sich bereit erklärt, die Scherben zusammenzukehren und verloren gegangenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Durch tatsächliche, mühsame Sacharbeit statt wohlfeiler Inszenierungen.