In schweren Zeiten sind gute Gelegenheiten rar, also muss man nehmen, was sich an Anlässen eben bietet. Im Fall der arg gebeutelten ÖVP und ihres Obmanns, Bundeskanzler Karl Nehammer, war das am Sonntag ein runder Geburtstag eines ihrer Säulenheiligen, ein echter wohlgemerkt, kein nur imaginierter.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

- © Luiza Puiu

So gesehen traf es sich günstig, dass am Sonntag Leopold Figl seinen 120. Geburtstag feierte, von dem zwei Sätze ins kollektie Gedächtnis der Republik eingegangen sind, die bei jeder möglichen und leider auch unmöglichen Gelegenheit zitiert werden. Der eine lautet "Österreich ist frei", der andere, frühere "Glaubt an dieses  Österreich".

Figls Leben und Wirken ist es wert, auch 2022 noch gewürdigt zu werden. Geboren in Rust im Tullnerfeld, also inmitten des tiefschwarzen Niederösterreich, war der Bauernbündler schon im autoritären Ständestaat politisch aktiv. Nach dem "Anschluss" war er unter den ersten, die die Nazis ins KZ verfrachteten und dort auch folterten. Kaum heraußen war er im Widerstand aktiv, wurde erneut verhaftet und landete in der Todeszelle; dort kam er nur lebend heraus, weil die Rote Armee Wien einnahm.

Figl wurde der erste Bundeskanzler einer demokratisch gewählten Regierung der Zweiten Republik, unterzeichnete, nachdem ihn sein lebenslanger Freund Julius Raab aus dem Amt drängte, als Außenminister den Staatsvertrag. Sogar der Vorwurf von damals ist heute noch aktuell: zu große Rücksichtnahme auf den Koalitionspartner. Später diente Figl der Republik noch als Nationalratspräsident und Landeshauptmann von Niederösterreich, ehe er 1965 gezeichnet von Haft und Folter einem Krebsleiden erlag.

Es gibt also schlechtere Leben, an denen man sich orientieren und aufrichten könnte. Nehammer zeichnete in seiner Rede die Gegenwart durchaus in düsteren Farben. Es gehe jetzt darum, Freiheit und Frieden zu verteidigen, Haltung wie Wehrhaftigkeit zu zeigen und Ruhe zu bewahren. Natürlich zitierte der selbst unter Druck stehende Kanzler einen der beiden von Figls legendären Sätzen, wenngleich leicht abgewandelt: "Glauben wir gemeinsam an dieses Österreich, denn dann werden wir auch aus dieser Krise stärker und geeinter hervorgehen."

Die Notwendigkeit eines solchen Appells kommt nicht von ungefähr: Das Zutrauen in die Leistungs- ud Krisenfestigkeit des Landes hat in den vergangenen Jahren erheblichen Schaden genommen, und mit dafür verantwortlich war verlässlich auch das Krisenmanagement der jeweiligen Regierung. Und aus jeder Krise der vergangenen Dekade ist das Land schwächer und zerstrittener hervorgegangen, sei es die Migrationskrise 2015/16, die Ibiza-Turbulenzen ab 2019 oder die Pandemie ab 2020. Und das waren allesamt Minikrisen im Vergleich dazu, was jetzt auf uns einprasselt: Krieg in der Ukraine, die Folgen der Sanktionen, eine zweistellige Inflationsrate und explodierende Lebenshaltungskosten.

Da kann man als Bürger schon ins Zweifeln geraten und den Glauben verlieren. Vor allem an die Umsicht und das Krisemanagement der Politik, in Österreich wie in Europa. Zumal heute noch völlig ungewiss ist, was in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren noch alles auf uns zukommen wird, als Einzelne wie als Gesellschaft. Womöglich warten die härtesten Prüfungen gleich um die nächste Ecke. Vor allem aber fehlt der Glaube, dass wir darauf nach mehr als sieben Monaten Krieg entsprechend vorbereitet sind.

Das Glück Figls und seiner Generation nach 1945 war, dass es nur noch wenig zu verlieren und unendlich viel an Freiheit wie an Wohlstand zu gewinnen gab. Heute haben wir unendlich viel zu verlieren und die meisten wären wohl schon froh, wenn alles so bleiben würde, wie es gerade eben noch war. Eine solche Zukunftsaussicht macht viele Menschen besonders anfällig für Verlustängste. Darauf müssen Nehammer und Co Antworten finden. Leopold Figl hat dafür leider keinen Ratschlag parat, Antworten darauf müssen wir ganz allein finden.