Es ist nicht immer von Vorteil, wenn schon die nächste Sau durchs Dorf wütet, noch bevor die eigentlichen Ursachen des Chaos, das vom vorangegangenen Rüsseltier ausgelöst wurde, gesickert sind. Während also schon alle Augen auf ein mögliches Comeback des eben erst in Schande aus dem Amt getriebenen Boris Johnson als neuer britischer Premierminister gerichtet sind, drohen die wertvollen Lektionen, die das faszinierende Scheitern von Liz Truss bereithält, unterzugehen. Das wäre tatsächlich jammerschade, weil in deren Niederlage wichtige Erkenntnisse für beide Seiten des britischen Kanals verpackt sind.

Liz Truss, die vergangene Woche ihren Rücktritt ankündigen musste, wird in die Geschichte eingehen als diejenige Regierungschefin, die den Fokus orthodoxer Wirtschaftslehre auf ein Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben als "Abakus-Ökonomie" verspottete, nur um kurz darauf von der Macht eben dieser Wirtschaftslogik aus dem Amt gefegt zu werden. Die Anleihenmärkte waren drauf und dran, das Vertrauen in die Solidität der britischen Finanzpolitik zu verlieren.

Die künftige Regierung muss nun ein schmerzhaftes Spar- und Steuererhöhungsprogramm durchziehen, um das Vertrauen in die langfristige britische Bonität wiederherzustellen. Und das in einem Moment, wo die Konsumausgaben der meisten Menschen aufgrund hoher Inflation und teurer Energie im Begriff sind, massiv einzubrechen.

Dabei wäre ein klug investierender und unterstützender Staat exakt das, was Großbritannien jetzt dringend benötigt, um endlich einen Weg aus seiner strukturellen Wachstums- und Produktivitätskrise zu finden. Das Land, dessen regierenden Konservativen sich mithilfe des Brexits von allen orthodoxen Fesseln befreien wollten, liegt jetzt an der Kette der ältesten Form aller Fremdherrschaften überhaupt: jener der internationalen Kapitalgeber.

Man wagt sich gar nicht vorzustellen, wie deren Reaktion ausfallen wird, sollte es Boris Johnson tatsächlich gelingen, nach "Downing Street No. 10" zurückzukehren. Jene, die das befürworten, setzen auf Johnsons Superkräfte als Wahlkämpfer für die Tories, nicht auf dessen Fähigkeiten, ein arg gebeuteltes Land zu einen und wieder nach vorne zu bringen.

Diese Versuchung, Blender und Entertainer den spröden, aber möglicherweise kompetenten Langeweilern vorzuziehen, kennt man auch in anderen wohlhabenden und demokratischen Staaten. Es ist die logische Konsequenz einer Entwicklung, die Politik primär als Showbusiness versteht. Österreich hat damit mehr als nur einmal schlechte Erfahrungen gemacht.

Ausgerechnet der internationale Finanzmarkt in Form staatlicher Anleihenkäufer war es, der diesem Politikverständnis die seit langer Zeit stärkste und kompromissloseste Absage erteilt hat. Das sollte auch dann noch gewürdigt werden, wenn die nächste Sau schon unterwegs ist.