Die schlechte Nachricht vorweg: Das Solarpanel auf Ihrem Dach wird die Klimakrise nicht lösen, das neue E-Auto und die Fair-trade-Schuhe werden es auch nicht tun. Ihre persönliche Energie(kosten)krise wird das vielleicht mildern, die Erderwärmung jedoch keinesfalls. Sinnlos sind diese Unterfangen dadurch freilich nicht, umsonst schon gar nicht. Investitionen in nachhaltige Produkte und Technologien beruhigen nicht nur das eigene Gewissen, sie setzen ein Zeichen und leisten einen Beitrag. Doch allein veränderter Konsum wohlhabender Europäer - und nichts anderes sind diese Maßnahmen - wird diese globale Krise nicht lösen.

Judith Belfkih ist stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Judith Belfkih ist stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Leider ist das dennoch die gute Nachricht. Der eben gestartete UN-Klimagipfel in Ägypten wird die Entwicklungen auch nicht stoppen können. Das ist, ohne etwaige optimistische Erwartungen hier gleich vorweg ersticken zu wollen, die wirklich schlechte Nachricht. Neu ist sie dadurch freilich nicht. Was beide verbindet? Die Geste dahinter. Auch die Staatengemeinschaft wird (erneut) das eigene Gewissen beruhigen, ein Zeichen setzen, einen Beitrag leisten. Doch das ist längst nicht mehr genug, wie aktuelle Berechnungen zeigen.

Woran es dabei scheitert, hat komplexe Gründe und eine lange Geschichte, lässt sich jedoch auf zwei Themen herunterbrechen: die Rettung der Welt und der Blick nach vorne. An sich zwei lobenswerte Attitüden, die sich im Falle der Klimakrise jedoch als fatale Blendwerke erweisen.

Der entschlossene Blick nach vorne ist trotz seines Optimismus stur, denn er blendet die Ursachen - und damit die Verantwortung der Verursacher - aller Klimaschäden aus. Es geht nicht darum, jetzt als Nationenbund geschlossen nach vorne zu blicken und die gemeinsamen Probleme gemeinsam zu stemmen. Es gibt hier klar Gewinner und Verlierer der globalen Industrialisierung und der klimatischen Veränderungen. Ohne jenem von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres geforderten historischen Pakt zwischen den reicheren Industrieländern und den Schwellenländern wird es in Sharm el-Sheikh keine Lösung geben können. Auch wenn das Thema Entschädigung für ärmere Länder nun erstmals Tagesordnungspunkt der Klimakonferenz ist: Dieser Pakt würde für Europa und die USA jedoch unpopuläre Maßnahmen bedeuten, die den Horizont nicht nur einer Legislaturperiode überschreiten. Es wird ihn nicht geben, zumindest nicht in diesem November. Schließlich ist ja Krisenzeit.

Das führt zu Hürde Nummer zwei: Die Rettung der Welt erweist sich aktuell als geschäftiges Ablenkungsszenario. Die Corona-Pandemie und der Krieg gegen die Ukraine drängen sich aufmerksamkeitsheischend zwischen die Politik und die Erderwärmung. Wer ständig die Welt retten muss, hat andere Sorgen als eineinhalb Grad Temperaturanstieg.

Dabei wären die globalen Krisen Pandemie und Energie ein hervorragendes Einstiegsportal in das Thema Klima. Corona hat uns gezeigt, wie wenig wir brauchen zum Glücklich-Sein, wie wohltuend Verzicht bei gleichzeitiger Gesundheit ist. Die Energiekrise erweist sich als eine Art Kassasturz, der die wahren - bisher  ausgelagerten - Kosten einer Lebensweise aufzeigt, die wir unseren (selbst)verdienten Wohlstand nennen. Das als Illusion zu erkennen, ist wohl die bitterste Erkenntnis dieser Polykrise.

Doch diese Dichte an theoretischer Erkenntnis von Zusammenhängen hat auch ihr Gutes: Die Themen, die Ursachen, aber auch die Lösungen für die Klimakrise liegen auf dem Tisch. Die aktuellen Krisen haben sie wie perfekt dramaturgisierte Vorspiele bereits überschaubar aufbereitet. 

Die Frage ist, wie viele Krisen und damit verbundene Läuterungen die Menschheit noch braucht, noch durchleiden muss, um das zentrale Thema dahinter, nämlich die voranschreitende Zerstörung des Planeten, geschlossen und global anzugehen. Im Augenblick sieht es aus wie ein griechische Tragödie mit noch mehreren Akten.